Das kalte Herz: Wohlstand gegen Liebe

Das kalte Herz
Julius Pristauz, choreography one (I wanna dance when I look at you), 2026 / sketch for navigating all that we perceive as given, 2026, Courtesy the artist, © VG Bild-Kunst, Bonn, Foto: Gerald Ulmann, Stuttgart
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19. Juni 2026
Text: Anne Abelein

Das kalte Herz.
Kunstmusem Stuttgart im Kunstgebäude Stuttgart, Kleiner Schlossplatz 2, Stuttgart.
Dienstag, Donnerstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 11.00 bis 21.00 Uhr.
Bis 4. Oktober 2026.
www.kunstmuseum-stuttgart.de

Das kalte Herz
Pol Taburet, Because He Spoke, 2025, © Pol Taburet, Foto: Romain Darnaud
Das kalte Herz
Nora Toratu, Warm Heart Long Arms, 2026, Courtesy the artist and Sprüth Magers, © Nora Turato, Foto: Gerald Ulmann, Stuttgart
Das kalte Herz
Pol Taburet, Because He Spoke, 2025 (Kader Attia, Culture, Another Nature Repaired, 2023, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Foto: Gerald Ulmann, Stuttgart

In Wilhelm Hauffs Kunstmärchen „Das kalte Herz“ von 1827 lässt sich ein armer Köhler auf einen Handel mit dem Schwarzwald-Geist Holländermichel ein und tauscht Wohlstand gegen Liebe und Mitgefühl. Fortan pocht in seiner Brust ein Steinherz – mit tödlichen Folgen für seine Frau. Das Kunstmuseum Stuttgart greift die hochaktuellen Themen in dem spätromantisch-frührealistischen Märchen auf und reflektiert diese im Medium der Kunst. Zu sehen ist die vielschichtige Ausstellung im Kunstgebäude, der Interimsstätte des Museums.

Die Kernthemen der Schau sind Identität, Gewalt und Heilung, Affekte und ökologische Ausbeutung. Auf Identitätssuche begibt sich Gabriela Oberkofler (*1975) in der Fotoserie „Buggelkraxen“: Mit miniaturkleinen Obstkisten ihres Südtiroler Heimatdorfes auf dem Rücken wandert die Künstlerin Richtung Stuttgart, wo sie heute lebt. Um Affekte geht es bei Rasmus Myrup (*1991), der ein herzförmiges Baumstück mit Schutzplatten ummantelt hat und so zeigt, wie sich Schutz und Verletzlichkeit bedingen. Den gesellschaftlichen Aufstieg (diesmal der Frauen) thematisieren Rosemarie Trockels (*1952) revolutionäre Wollbildern aus den 1980er Jahren, in denen sie das traditionell weibliche, textile Kunsthandwerk mit der männlich konnotierten Leinwandmalerei kombiniert und Hammer- und Sichelsignets sowie die amerikanischen Stripes in einen neuen Kontext rückt.

Eigens für die Schau geschaffen hat Nora Turato (*1991) die Leinwandarbeit „Warm Heart Long Arms“ mit Ölstiften. Turato transformiert Textphrasen in performativen Werken zu Trägern doppelsinniger Bedeutungen. Ihre Handschrift und spontanen gestischen Spiralen (soweit die Arme reichen) enthüllen ihre zwiespältigen Gefühle in Reaktion auf Hauffs grausames Märchen. Sexualisierte Gewalt an Frauen am Beispiel von Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien dokumentiert Jenny Holzer (*1950) in ihrer C-Print-Serie „Lustmord“ von 1993, in der mit Tinte auf menschlicher Haut Zitate aus der Perspektive von Tätern, Opfern und Zeugen erscheinen. Dass sie die Aussagen nicht zuordnet, unterstreicht die Komplexität von Gewalttaten und die Retraumatisierung der Opfer, die aufgrund familiärer und nachbarschaftlicher Nähe den Tätern wieder begegnen. Gewaltvolle Affekte kommen auch in einer Neonröhren-Arbeit von Tracey Emin (*1963) zum Ausdruck, in der sie der Verbindung von Liebe, Abhängigkeit und Besessenheit in einem Gedicht an ihren Expartner nachgeht. Von Gewalt erzählen ferner Kader Attias (*1970) versehrte Holzköpfe auf Metallstelen, die an Verletzungen im Ersten Weltkrieg erinnern, oder die mit Metallspangen reparierten Glasbilder, in denen er koloniale Plünderungen thematisiert. Diese zeugen zugleich von Heilung und der Entschlossenheit, zerstörte Kulturgüter und Traditionen wiederzubeleben. Ein alternatives Männerbild entwirft Jesper Just (*1974) in seinen Videoarbeiten, in der etwa Stereotypen im gemeinsamen Gesang aufgebrochen werden.

Auch ökologische Ausbeutung ist im Märchen ein Thema, steht der Holländermichel doch für die rücksichtslose Abholzung des Schwarzwalds für den niederländischen Schiffsbau und Kolonialismus. Zwar keine Flößer, aber Steinbrecher stellt Friedrich von Keller (1840-1914) in spätromantischen Bildern zur Entstehungszeit der Arbeiterklasse dar. Die schwäbische Identität wurde vom Automobilbau geprägt, und dessen Folgen widmet sich Erik Sturm (*1982) in aufgerissenen Reliefs aus Feinstaubpartikeln, die er an Stuttgarts meist befahrenen Straßen aufsammelte und mit Bindemittel in Farbe verwandelte. Dem Gespenstischen im „Kalten Herz“ begegnet man in den Acryl-Ölmalereien des in Paris lebenden afro-haitischen Künstlers Pol Taburet (*1997), der Surrealismus und Symbolismus mit Voodoo-Tradition verbindet und hybride Mischwesen aus Mensch, Tier und Objekten kreiert. Sich selbst auf Sinnsuche in der Gesellschaft machen kann man in einem Labyrinth von Julius Pristauz (*1998) am Ende der Ausstellung: Bewegungsmelder versetzen seinen Parcours aus transparenten und opaken Bürotrennwänden in immer neue Lichtstimmungen.