Fabrice Hyber, Artiste Agriculteur: Der Künstler, der sich Bauer nennt

Fabrice Hyber
Fabrice Hyber, L’Artiste Agriculteur, 2026, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Thun, Foto: David Aebi
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18. Juni 2026
Text: Martina Hunziker

Fabrice Hyber. Artiste Agriculteur.
Kunstmuseum Thun, Hofstettenstr. 14, Thun.
Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 19.00 Uhr.
Bis 2. August 2026.
kunstmuseumthun.ch
Dieser Text erschien in längerer Fassung zuerst in der Berner Zeitung vom 8. April 2026.

Fabrice Hyber
Fabrice Hyber, L’Artiste Agriculteur, 2026, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Thun, Foto: David Aebi
Fabrice Hyber
Fabrice Hyber, L’Artiste Agriculteur, 2026, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Thun, Fotos: David Aebi
Fabrice Hyber
Fabrice Hyber, Soldier, 2008, Courtesy the artist, Foto: Fabrice Hyber

Die Malerei von Fabrice Hyber (*1961) hat auf den ersten Blick etwas Kindliches. Die hellblaue Farbe des Himmels läuft in langen Streifen vom oberen Rand der Leinwand ins Bild hinein. Der Himmel fliesst hinab bis auf die Blüten der Margeriten, die ihrerseits auf geraden Stielen vom unteren Bildrand hinaufwachsen. Irgendwo dazwischen hängen eine Sonne und zwei weisse Wölkchen. Bäume, Tiere, Pilze, Pflanzen, oben der Himmel, unten die Erde. Mit verdünnter Ölfarbe, Kreide und Kohle schafft der französische Künstler Naturbetrachtungen und Landschaftsbilder. Hybers Werke sind jedoch mehr als das. Es sind mehrschichtige Studien, Gedankenexperimente, Lehrobjekte. Mit Kohlestift notiert er Stichwörter und Zusammenhänge auf seine Leinwände. Da steht etwa „Gaz“ neben der Kuh, als Anspielung auf das klimaschädliche Methangas, das beim Wiederkäuen entsteht. Pfeile im Bild signalisieren, wie die Erdoberfläche im Austausch mit der Luft ist, wie im Himmel oben alles zirkuliert. Und das Fell der Kuh hat keine Flecken, stattdessen hängen diese tief über ihr wie eine Gruppe unheilvoller, schwarzer Wolken. Alles ist miteinander verbunden.

In den Kunstmuseen Thun und Thurgau ist zurzeit eine Auswahl von Werken des Künstlers zu sehen. Die beiden Institutionen in Thun und Warth setzen verschiedene Schwerpunkte – während in Thun der Fokus auf dem Thema Landwirtschaft liegt, steht in den Räumlichkeiten des ehemaligen Kartäuserklosters Ittingen der Mensch im Kontext von Verwandlung und Wachstum im Zentrum.

Fabrice Hyber will mit seiner Kunst vermitteln. Er nennt sich selber „agriculteur“. Seit 1990 kultiviert er einen Wald in der Vendée auf über hundert Hektar Land, auf dem seine Eltern früher Schafe hielten. Heute ist das Tal – „La Vallée“, wie der Künstler das Refugium nennt – ein Biotop mit Wald, Obstbäumen und Gemüsegärten. Hyber setzt damit aktiv einen Gegenpol zu den weitflächigen Monokulturen der Gegend, wo vor allem Mais angepflanzt wird.  Seine Kunst wächst ähnlich organisch wie die Natur. Dadurch, dass die Ölfarbe so stark verdünnt ist, sieht man jeden Arbeitsschritt, erkennt, ob etwa die Notiz mit Kohlestift vor der Ölfarbe da war oder ob sie später übermalt wurde. Jedes der fast ausnahmslos grossformatigen Gemälde, die im Kunstmuseum Thun zu sehen sind, könnte auch noch im Entstehen sein. Manche erinnern an Kritzeleien auf einer Wandtafel im Mathematik- oder Physikunterricht. Was nicht von ungefähr kommt: Hyber hat Mathematik studiert, bevor er die École des Beaux-Arts in Nantes besuchte. Die Assoziation mit schulischem Unterricht verstärkt Hyber, indem er alle Bilder im Kunstmuseum Thun auf Gestellen mit Rollen montiert hat. Wie beschriebene Whiteboards sehen seine Werke aus. Schräg in die Räume gestellt wirken sie, als hätte der Künstler gerade noch irgendwo etwas notiert oder ergänzt, als hätte er sie gerade eben erst im Raum arrangiert, um Zusammenhänge zu erläutern.

Fabrice Hyber lehrt jedoch nicht mit erhobenem Zeigefinger. Seine Werke vermitteln subtil und spielerisch ihre Botschaft, und was auf den ersten Blick plakativ wirkt, enthält auf den zweiten viele schöne Details. Etwa das Blattgold, mit dem er die weit unter der Erdoberfläche liegende Wurzel auf dem Bild „War“ verziert hat: Die wahren Bodenschätze sind nicht etwa Rohstoffe, sondern das, was unter der Erdoberfläche wächst. Besonderes Highlight inmitten der vielen grossen Leinwände ist die Installation „La douche de jus des fleurs“: Auf einem Metallgitter werden ausgediente Schnittblumen aufeinandergeschichtet. Der Saft, den sie beim Verrotten absondern, tropft durch das Gitter auf Papierbögen mit aufgemalten Blumen. Nicht nur gestalterisch übernehmen hier die Pflanzen das Zepter – sie verleihen dem ganzen Raum auch ihre eigene Duftnote. Diese dürfte je länger, desto strenger werden. Aber so ist das eben in der Natur, würde Fabrice Hyber dazu wohl sagen.