Jenseits von Akademie und Kunstmarkt

Art Brut
Martial Richoz, sans titre, 1980-1983, Foto: Claudina Garcia
Thema
27. Mai 2026
Text: Redaktion

Art Brut in der Schweiz. Die Ursprünge der Sammlung bis heute.
Bis 27. September 2026.
Das Universum von Armand Schulthess.November 2026 bis 25. April 2027.
Collection de l’art brut, 11, av. des Bergières, Lausanne.
Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
www.artsbrut.ch

Art Brut
Bertha Morel, Ohne Titel, ohne Jahr, Foto: Kevin Seisdedos
Art Brut
Adolf Wölfli, Ville géante aux oiseaux de coucou, 1923, Foto: Collection de l'Art Brut, Lausanne
Art Brut
Aloïse Corbaz, Deux profils dessinés dans les montagnes, 1941-1951, Foto: Collection de l'Art Brut, Lausanne

Beim Jubiläum der Lausanner Collection de l’Art Brut kommt man um Jean Dubuffet (1901-1985) nicht herum. Er war nicht nur ein großer Verfechter dieser Außenseiterkunst, ihr Sammler, sondern auch ihr Deuter. Und ohne ihn hätte sie in der Schweiz kein Haus. Bei ersten Reisen in die Schweiz mögen dem französischen Künstler vor allem noch die fantasievollen Masken der Volkskunst aufgefallen sein. 1945 sucht er dann gezielter und wendet sich an psychiatrische Anstalten und Gefängnisse. Der Aufbau seiner Art Brut-Sammlung – er selbst prägte diesen Begriff – ging einher mit der eigenen künstlerischen Praxis. Dubuffet sah in all jenen, die keine Akademie besucht und keinen Zugang zum Kunstmarkt hatten, eine rohe Kraft wirken. Art Brut war sozusagen seine Verbündete im Kampf gegen den Akademismus. Die Avantgarde sollte keine Elfenbeinturmkunst sein.

Das Rohe, das Dubuffet in ihr entdeckte, kam wohl nicht von Ungefähr. Es muss nicht einmal Ausdruck einer wie auch immer gearteten psychischen Erkrankung gewesen sein, alle, denen in Gefängnissen oder Heimen die Freiheit genommen wurde, hatten Erfahrung mit einer restriktiven Staatsgewalt gemacht. Adolf Wölfli (1864-1930) etwa, dessen Werk einen Schwerpunkt innerhalb der Sammlung bildete, wurde mit neun Jahren Vollwaise, wurde dann Verdingbub und war zwei Jahre wegen versuchter Vergewaltigung im Zuchthaus, darauf folgte die Einweisung. Dank engagierter Psychiater wie Walter Morgenthaler von der Waldau bekam Dubuffet Einblick in diese Welt.

1971 schenkt Jean Dubuffet dann seine Sammlung der Stadt Lausanne und 1976 wird das Museum im Chateau de Beaulieu gegründet. Was Wölflis Werk, aber auch das von Aloïse Corbaz (1886-1964) auszeichnet, ist nicht zuletzt die große Produktivität. Es scheint als ob alle Energie in das Werk geflossen wäre. Und dann natürlich eine Bildsprache, die an eine Privatmythologie reicht. Auch Corbaz erfand sich wie Wölfli eigene Welten, die auszuleben wohl auch ihre soziale Stellung verhinderte.

Die Collection de l’Art Brut Lausanne nimmt sich zwei Jahre Zeit, Geburtstag zu feiern. In einer ersten Ausstellung sind Arbeiten aus der Sammlung mit Neuzugängen zu sehen, der zweite Teil ist dem Werk von Armand Schulthess (1901-1972) gewidmet. Den Begriffen Art Brut oder Outsiderkunst haftet heute etwas Zweischneidiges an, einerseits hat es diese überhaupt erst sichtbar gemacht, andererseits zementieren sie auch die Andersartigkeit dieser Kunst. Nichtsdestotrotz sind einzelne Positionen seit einigen Jahren gleichberechtigt in Gruppenschauen zu sehen. Ohne die Öffentlichkeit einer solchen Sammlung wie die in Lausanne wäre das kaum denkbar.