Axel Hütte

Axel Hütte
Axel Hütte, Salem Kaisersaal – 2, 2022, © Axel Hütte, VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Porträt
18. Mai 2026
Text: Florian L. Arnold

Axel Hütte: in sua umbra.
Museum Villa Rot, Schlossweg 2, Burgrieden.
Donnerstag bis Samstag 14.00 bis 17.00 Uhr, Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 31. Mai 2026.
www.villa-rot.de

Axel Hütte
Axel Hütte, Flower 4676, 2020, © Axel Hütte, VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Ist in einer Ära, in der jeder Smartphone-Besitzer zum Bilderproduzenten wird, noch Raum für Fotokunst? Axel Hütte (*1951), Schüler der Klasse von Bernd und Hilla-Becher, zeigt: wo die digitale Flut alles gleichgültig macht, entsteht durch Genauigkeit, Konzept und Präzision ein Werk von Bedeutung. Der Fokus der Schau „in sua umbra“ liegt auf barocker Architektur in Oberschwaben zwischen Donau und Bodensee, genauer: deren Innenräumen. Über zweieinhalb Jahre bereiste er Klöster, Kirchen und Schlösser wie Tettnang, Salem oder Bad Schussenried. Hütte verbrachte Stunden damit, das Licht zu beobachten, den Raum zu erfassen und auf jenen aus Licht und Stimmung komponierten Augenblick zu warten, der ihn selbst zum Staunen bringt. Das Ergebnis dieser intensiven Arbeit sind vierzig großformatige Aufnahmen, die im Museum Villa Rot nun erstmal verwirren. Hütte hat die digitalen Negative der barocken Räume ins Gegenteil verkehrt. Aus dem warmen Gold des Stucks wird ein kühles, fast surreales Blau; die Überfülle an Ornamenten und warmen Tönen transformiert sich in eine beinahe gespenstische Kälte. Der Titel „in sua umbra“ – „in seinem Schatten“ – verweist auf diese radikale Umkehrung. Anstelle von Dunkelheit entsteht eine seltsame, schwebende Helligkeit, die den Barock melancholisch entrückt. Besonders eindrucksvoll ist die Präsentation. Auf die Rückseite einer Glasscheibe gedruckt und auf hochpoliertem Edelstahl appliziert, erzeugen die Werke eine Leuchtkraft, die sie von der Realität löst.

Bekannt wurde Hütte mit großformatigen, stillen Landschaften, die oft Elemente der romantischen Malerei wie Wolken und Nebel zitieren, ohne dass er sich selbst als Romantiker versteht. Die nüchterne Objektivität der Düsseldorfer Schule wird hier nicht aufgegeben, sondern durch malerische Poetik trans­zendiert. In der Ausstellung sind ebenfalls Landschaftsfotografien zu sehen, die zwar unverkennbar regional grundiert sind, sich aber jeder bloßen Verortung entziehen. Es sind sorgfältig isolierte Ausschnitte: Spiegelungen von Uferzonen in stillen Wasserflächen – etwa im geheimnisvoll schimmernden Blautopf von Blaubeuren. Weit gespannte Himmelsräume öffnen sich über verschneiten Waldrändern, während sanfte Hügelketten im Nebel beinahe immateriell erscheinen. In Nahsicht geraten eisüberzogene Nadelbäume zu kristallinen Strukturen, deren ursprüngliches Motiv sich zunehmend ins Abstrakte verflüchtigt. Oberschwaben gilt gemeinhin als ein Reservoir barocker Üppigkeit und pittoresker Szenerien. Doch die hier versammelten Arbeiten verweigern sich dieser Erwartungshaltung. Sie fungieren als Projektionsflächen für eine grundsätzliche Reflexion über Bildrealität selbst – über das, was sichtbar ist, und das, was sich im Akt des Sehens erst konstituiert.

Ergänzt wird die Schau durch eine Reihe großformatiger Pflanzenmotive, freigestellt und ebenfalls im Negativ gezeigt. Es sind keine seltenen Gewächse, sondern alltägliche Blumen, wie sie in jedem Supermarktstrauß zu finden wären. Durch die Leuchtkraft der invertierten Farben und den Glasdruck gewinnt das Alltägliche eine fast mystische Präsenz. Axel Hütte verändert in dieser Ausstellung die Wahrnehmung vertrauter Räume. Er zeigt, dass die Fotografie ein Werkzeug ist, um die Wahrnehmung zu hinterfragen und verborgene Schichten der Welt sichtbar zu machen. Während wir die Kontrolle über die allgegenwärtige Bilderflut verlieren und die Kunst des Sehens der Beliebigkeit weicht, lädt „in sua umbra“ zu einem bewussten Innehalten ein. Die Ausstellung ist nicht nur eine Hommage an den oberschwäbischen Barock, sondern eine Beweisführung: Fotografie bleibt eine zentrale Kunstform unserer Zeit.