No Place Like Home. Italienische Fotografie seit den 1980er Jahren.
Schauwerk Sindelfingen, Eschenbrünnlestr. 15., Sindelfingen.
Mittwoch bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 16. August 2026.
www.schauwerk-sindelfingen.de
Es ist erstaunlich, dass bis vor Kurzem nur eine einzige Überblicksausstellung der italienischen Fotografie zu sehen gewesen ist. 1984 in der Pinacoteca Provinciale in Bari, Apulien, eröffnet, tourte sie über Neapel und Rom bis nach Genua. „Viaggio in Italia“ wurde zum Manifest für die sogenannte Scuola italiana di paesaggio, deren zentrale Figur Luigi Ghirri (1943-1992) war. Die um ihn gruppierten Fotografen, darunter Guido Guidi (*1941) und Gabriele Basilico (1944-2013), suchten ab den 1980er Jahren neue, unkonventionelle Herangehensweisen, die Wirklichkeit mit ihren sich verändernden sozialen Strukturen wiederzugeben. Sie wandten sich bewusst ab von Postkartenidylle und stereotyper Landschaftsdarstellung und richteten ihren Blick auf alltägliche, vermeintlich banale Situationen und Orte, die oftmals übersehen werden. Ghirris Aufnahme „Marina di Ravenna“ von 1986 etwa fängt das gleißend helle Mittagslicht am sommerlichen Strand ein und scheint mit ihrer symmetrischen Aufteilung der Bildfläche und vielfachen, fein nuancierten Farbabstufungen und Korrelationen zwischen den weiblichen Figuren und den architektonischen Elementen präzise komponiert zu sein, tatsächlich aber ist sie als perfekter Schnappschuss entstanden. Das Meer taucht darauf lediglich als kurzer Markierungsstrich des Horizonts auf.
Dem Einfluss folgend, den diese „Fotografie der Orte“ auf die weitere Entwicklung der italienischen Fotografie hatte, hat Kurator Ralph Goertz nun erneut eine umfangreiche Überblicksschau zusammengestellt, die jedoch nur in Deutschland zu sehen ist. Unter dem Titel „No Place Like Home“ entfaltet sich diese Italienreise als vielgestaltige Innenschau, geführt von der Frage nach der Identität und der Zugehörigkeit zu einem Land, das wie ganz Europa seit den 1950er Jahren mehrere einschneidende Veränderungen auf wirtschaftlicher, ökologischer, gesellschaftlicher und kultureller Ebene durchlebte. Im Schauwerk Sindelfingen bildet die Ausstellung einen chronologisch angelegten Parcours durch den gesamten Umgang des 15 Meter hohen ehemaligen Hochregallagers. So entsteht ein vielfältiges Panorama der italienischen künstlerischen Fotografie der letzten Jahrzehnte. Sujets und Stile der einzelnen Fotograf:innen stehen als Zeugnisse des sich wandelnden Blicks wie auch der gesellschaftlichen Veränderungen.
Das Medium wird dabei immer mitgedacht und oftmals auch explizit thematisiert. Guido Guidis „Castagnole“ (1986), die einfühlsame und humorvolle Aufnahme einer ländlichen Szene mit einem älteren Mann und seinem Hund, eingerahmt von Haus und Hof mit Feigenbaum und Wäscheleine, lässt so an den Rändern bewusst technische Spuren sichtbar. Die Serie „Farmers“ (2009-2018) von Guidi-Schüler Francesco Neri (*1982) bildet eine sensible Porträtstudie der Bäuerinnen und Bauern seiner norditalienischen Heimat und zeigt die von körperlicher Arbeit geprägten und mit ihrem Umfeld tief verbundenen Menschen jeweils vor dem Hintergrund ihrer alltäglichen Umgebung. Verschneite „Alpine Landschaften“ (1991-2021) nimmt der Südtiroler Walter Niedermayr (*1952) in den Blick. Sein Fokus richtet sich dabei auf die Verformung von Natur durch den Tourismus, der schützenswerte Landschaften zu profitgenerierenden Kulissen werden lässt. Auch Giulia Iacolutti (*1985) legt ihre Fotografien in Serien an. „I don’t care (about Football)“ (2011) nimmt verschiedene Schwarzweiß-Darstellungen von Fußballspieler:innen als Ausgangspunkt für die Thematisierung der sozialen und politischen Dimensionen des gesellschaftlichen Zusammenhalts und der Inklusion von Menschen mit psychischen Erkrankungen.
Davide Degano (*1990) setzt sich in seinem Projekt „Romanzo Meticcio“ (2019-2024) kritisch mit Italiens kolonialer Vergangenheit auseinander und porträtiert junge Schwarze Menschen in ihrem urbanen Umfeld als selbstverständlich zugehörig zur italienischen Gesellschaft, in der sie dennoch mit Rassismus und Ausgrenzung konfrontiert sind. Besonders die jüngeren Fotograf:innen in dieser Ausstellung nehmen dezidiert gesellschaftskritische Haltungen ein, die Italien thematisch in einen europäischen Diskurs einbinden und weniger die Orte, als vielmehr die Menschen in den Vordergrund stellen.



