Ivana de Vivanco: Wie klingt das Weinen einer Schlange?
Villa Merkel, Galerie der Stadt Esslingen, Pulverwiesen 25. Esslingen.
Dienstag, Mittwoch, Freitag 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 14.00 bis20.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 7. Juni 2026.
www.villa-merkel.de
Nicht grundlos heißt die Schau von Ivana de Vivanco (*1989) „Wie klingt das Weinen einer Schlange?“. Alles rankt sich in Esslingen um diese. Die chilenisch-peruanische Künstlerin und Professorin an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig setzt sich in hybriden, theatralisch-humorvollen Werken mit dem postkolonialen Erbe Chiles und Perus auseinander und hat sich dafür eine Woche in der Atacama-Wüste aufgehalten. Dort befindet sich eines der größten Lithiumvorkommen weltweit. Hier pumpen Konzerne Salzlake hoch und gewinnen durch Verdunstung in Becken Lithium, das für Elektroautos verwendet wird. – Ein Prozess, der große Mengen Wasser verbraucht und indigene Gruppen sowie Flora und Fauna bedroht. Das Gebiet, das auch Teile Boliviens und Argentiniens umfasst, wird „Lithium-Dreieck“ genannt, und mit diesem Sinnbild leitet Vivanco die Ausstellung ein. Auf Sand erheben sich stählerne Stützen mit dreieckigen Leinwänden. Die vermenschlichten Dreiecke, aus deren Augenwinkel Tränen rinnen, verweisen auf die Vorstellungen indigener Völker, welche die Erde als Körper betrachten und den Extraktivismus als Entnahme von Organen. In einer weiteren Arbeit mit Kunstfiguren aus Acrylglas spielt Vivanco auf indigene Opfergaben an, mit denen diese um die Gunst der Götter bitten, und zeigt Mensch und Natur sowie das Indigene und Westliche untrennbar – wenn auch nicht ohne Spannungen – verbunden.
Die Gesamtheit der Arbeiten stimmt die Betrachterinnen und Betrachter in Esslingen auf die abschließende Videoinstallation ein, denn sie sind Requisiten und Protagonisten. Zentral ist ein Schlangenkostüm mit schuppenbedeckter Schleppe, mit dem Vivanco die indigene Sprachexpertin Ilia Reyes Aymani im Video die Wüste durchqueren ließ. Allerdings nicht wie zu erwarten vorwärts, sondern rückwärts, worin sich die indigene Zeitvorstellung widerspiegelt, das Fortschreiten als Konfrontation mit der Vergangenheit zu betrachten. Schuppenblumen flankieren das Kostüm, aus deren Kelchen Klanginstallationen dringen, welche die Geräusche der Wüste und des Lithiumabbaus einfangen. Alles wird von einer Lichtinstallation mit Folien an den Fenstern hinterfangen, welche auf die Farben der Verdunstungsbecken anspielen und durch Figuren aus Acrylglas die Arbeit geschickt in der Villa Merkel verorten. Denn sie nehmen Formen der Bäume beziehungsweise die Stützkonstruktionen für die alten Stämme im Garten auf.
Im Raum neben trifft man auf ein langes, gewundenes Landschaftspanorama in Öl. Die Komposition ist ebenso schlangenförmig angelegt und zeigt einen Reigen von theatralisch agierenden Figuren und Tieren wie Flamingos und Lamas, deren Lebensgeister von einem Wasserschwall gespeist werden und die ihrerseits der Erde mit Tränen, Blut, Speichel und Urin Feuchtigkeit spenden und bewusst machen, dass sie Teil des Wasserzyklus sind. In der Mythologie vieler Kulturen steht die Schlange für Neubeginn, Schutz und Bewegung des Wassers. Welchen Risiken sich indigene Umweltaktivistinnen und -aktivisten gegenüber sehen, macht an anderer Stelle eine Pappmaché-Figur mit Kettenhemd deutlich, an dem traditionelle Protestutensilien wie Töpfe und Küchengerät hängen. Sie werden angegriffen und auch ermordet. Vivanco wurde der Zugang zu den Abbau-Arealen nicht gestattet, aber sie fand einen Weg hinein. Im letzten Raum ist die hypnotische Videoinstallation zu erleben, die der Ausstellung den Titel gibt und gerade aufgrund ihres langsamen Tempos die Zeit wie im Flug vergehen lässt. Dort sieht man Ilia Reyes Aymani die Wüste sowie eine Opernsängerin das Studio mit den Arbeiten als Kulissen durchschreiten, während sie ein Gebet und ein Skript von Vivanco intoniert. Chinesischen Studien zufolge spüren Schlangen Erdbeben kommen und verlassen ihre Nester. Neben der Warnung vor Erdbeben kommt der Schlange nun auch die Aufgabe zu, vor der menschengemachten Katastrophe des Lithium-Abbaus zu warnen. Wird jemand auf sie hören?




