Mehr Licht. Video in der Kunst: Kommunizierende Bildröhren

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Nam June Paik, Fire Piece, 1992, Ausstellungsansicht Aargauer Kunsthaus, Foto: ullmann.photography
Review > Aarau > Aargauer Kunsthaus
24. April 2026
Text: Annette Hoffmann

Mehr Licht. Video in der Kunst.
Aargauer Kunsthaus, Aargauerplatz, Aarau.
Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 25. Mai 2026.

Kunstmuseum Solothurn, Werkhofstr. 30, Solothurn.
Dienstag 11.00 bis 17.00 Uhr, Samstag und Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 17. Mai 2026.

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Emmanuelle Antille, Angels Camp – First Songs, 2003/2004, Ausstellungsansicht Schweizer Pavillon der Biennale von Venedig 2003, © Emmanuelle Antille, Foto: Georg Rehsteiner, zu sehen im Aargauer Kunsthaus
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Zilla Leutenegger, Library, 2007, Ausstellungsansicht Aargauer Kunsthaus, Foto: ullmann.photography
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Piplotti Rist, Das Zimmer, 1994/2026, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Solothurn, Foto: Sebastian Verdon

Auf Nam June Paik kann man sich immer einigen. Und so setzt die Ausstellung „Mehr Licht. Video in der Kunst“ sowohl im Aargauer Kunsthaus als auch im Kunstmuseum Solothurn mit Arbeiten des Pioniers der Medienkunst ein. „Fire Piece“, eine Installation von 1992, die in Aarau zu sehen ist, wirkt wie eine Personifikation des US-amerikanischen Künstlers. Auf über zwanzig Bildschirmen, die wie Kohlestücke auf sehr viel Plastikschrott liegen, flackert das Video eines Feuers. Nam June Paik ist das Lagerfeuer, um das sich alle versammeln. Die beiden Häuser haben sich in diesem Frühjahr zusammengetan, um die Spuren des Videos in der Schweizer Kunst und ihren Sammlungen zu verfolgen. Das funktioniert ganz gut, denn die Städte sind nah genug, um die Ausstellungsbesuche miteinander zu verbinden, aber auch entfernt genug, damit nicht ein Eindruck den anderen überlagert.

Beide Häuser haben die Videoarbeiten auch in ihre Sammlungen integriert. So ist in Solothurn neben der für die Sammlung so bedeutenden Schutzmantelmadonna von Hans Holbein d.J. Judith Alberts Video „Maria breitet den Mantel aus (East End)“ zu sehen. Ein Samtstoff fließt durch einen Türschlitz hindurch auf den menschenleeren Gehweg. Sein Blau ähnelt dem des Mantels der Madonna. In Aarau zeigt sich, wie schnell die Technik und damit die Möglichkeit der Präsentation überholt war. Bei einer Arbeit wie Dieter Meiers „1 Minute“ von 1970 ist das Video noch eng an das Fernsehen gebunden. Meier spielt mit der Bedeutung der Nachrichten des Schweizer Fernsehens für die Bevölkerung und ließ für eine Minute sein Porträt sichtbar werden, gekoppelt an die Zeitanzeige. Die Videoarbeit von Werner von Mutzenbecher von 1968 wirkt selbst wie ein historisches Dokument und Christian Marclay greift die Zeitverhaftetheit des Mediums in den 1990er Jahren mit der Arbeit „Telephones“ auf. Sie besteht aus montierter Found-Footage von Filmen, in denen Telefone klingeln, und schafft eine ganz eigene Dramaturgie.

Man kann darüber spekulieren, warum eine überschaubare Szene wie die der Schweiz derart viele Kunstschaffende hervorgebracht hat, die mit dem Medium des Videos arbeiten. Gut möglich, dass es eben genau daran liegt ­– man kennt sich untereinander und greift auf die gleiche Infrastruktur zurück. Und die Schweizer Videokunst war und ist ausgesprochen weiblich. Als Videokunst anfing interessant zu werden, gab es noch keine männlich dominierten Netzwerke, gegen die Künstlerinnen anarbeiten mussten. Muda Mathis, Fränzi Madörin und Sus Zwick erkunden in Aarau auf schonungslose Weise auf mehreren Bildschirmen den weiblichen Körper neben Rotkohl und Spiegelei, unterlegt von hypnotischem Sound. Emmanuelle Antille ist mit ihrer narrativ-verrätselten Arbeit „Angels Camp“ präsent, mit der sie die Schweiz 2003 bei der Biennale von Venedig vertrat, Zilla Leutenegger mit ihren hybriden Videoarbeiten. Überhaupt schuf Videokunst sich schnell ihre eigene Umgebung über den Monitor hinaus. Pipilotti Rist initiiert in „Schminktischchen mit Feedback“ einen Dialog zwischen den Betrachtenden und dem kleinen Monitor mit Kussmund als eine sehr spielerische Form von Selbstakzeptanz. In Solothurn zeigt sich die eskapistische Seite ihrer Kunst, dort ist die Installation „Das Zimmer“ eingerichtet. Derweil man auf dem überdimensionierten Sofa sitzt, die Beine wie ein Kind baumeln lässt, kann man über eine klobige Fernbedienung Videos auswählen. „No, I don’t wonna fall in love“ schreit Rist, Krüge fallen ins Wasser, eine Küchenreibe, man sieht eine Frau tauchen, später ein Kind. Rist ist die perfekte Verbindung von Kunst und Popkultur gelungen. Der Titel „Mehr Licht“, von Goethes letzten Worten entlehnt, muss nicht die Fackel der Aufklärung meinen, es kann auch einfach das Licht der Projektion bedeuten. In Solothurn reguliert in Nam June Paiks Arbeit „One Candle“ eine brennende Kerze die Projektion der Farben Rot, Grün und Blau. Ein Licht bewirkt mehr Licht.