Manuel Frattini

Manuel Frattini
Manuel Frattini, Untitled, 2024, Foto: Bernhard Strauss
Porträt
15. April 2026
Text: Dietrich Roeschmann

Manuel Frattini: Die Landschaft der Malerei.
Kunsthalle im Glaspalast, Beim Glaspalast 1, Augsburg.
Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.
18. April bis 11. Oktober 2026.
kunstsammlungen-museen.augsburg.de
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog: Stuttgart 2026, 124 S., 21 Euro.

Manuel Frattini
Manuel Frattini, Untitled, 2021, Foto: Bernhard Strauss
Manuel Frattini
Manuel Frattini, Ausstellungsansicht Morat-Institut Freiburg, 2023, Foto: Bernhard Strauss
Manuel Frattini
Manuel Frattini, Untitled, 2024, Foto: Bernhard Strauss

Unweit der Augsburger Kunsthalle im Glaspalast, einer denkmalgeschützen ehemaligen Baumwollspinnerei, schlängelt sich der Proviantbach zwischen Sportplatz und Schrebergartenanlage durchs Gelände. Am Ufer wuchert Gestrüpp, das zartes Grün und die ersten Blüten zeigt. Mitten in der Stadt wirken das kanalisierte Gewässer und das gemähte Grün der nahen Badestelle wie Elemente einer überraschend naturnahen, fast ursprünglichen Landschaft. Aber vielleicht täuscht der Eindruck auch. Und wenn das so ist, dann könnte das damit zu tun haben, dass es nicht ganz leicht ist, irgendwo keine Landschaft zu sehen, wenn man die Bilder von Manuel Frattini gesehen hat.

Frattini, 1968 in Offenburg geboren, hat in den 1990er-Jahren Malerei an der Freiburger Außenstelle der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe bei Peter Dreher und Silvia Bächli studiert. Mehrere Arbeitsaufenthalte führten ihn nach Schottland, Kanada, Südkorea und Japan. In Augsburg zeigt er eine Auswahl seiner Arbeiten von 2003 bis heute unter dem Titel „Die Landschaft der Malerei“. Dass das durchaus wörtlich zu nehmen ist, legen seine eigenwilligen Hängungen nahe, zuletzt etwa in seiner Soloschau 2023 in den Hallen des Freiburger Morat-Instituts. Hier war kaum zu entscheiden, ob es sich bei der Ausstellung um eine Ansammlung von Einzelbildern auf Papier, Leinwand, Holz, Aluminium und Glas handelte oder doch eher um ein einziges großes Bild, das man betrat, als vielteilig mäanderndes, weit verzweigtes, immersives Super-Bild, als „Landschaft der Malerei“ aus reduzierten Gitterstrukturen, Liniengeflechten, geometrischen Mustern und nebelartig in die rohe Leinwand diffundierenden Farbfeldern.

Manuel Frattini interessiert sich für die direkte Spur des Pinsels auf dem Malgrund. Denn diese Spur macht eine Bewegung sichtbar, die etwas über den Moment aussagt, in dem sie stattfindet. Für Frattini ist diese Gegenwärtigkeit zentral für die Idee von Reduktion und Wahrhaftigkeit, die seinen Bilder zugrunde liegt: Alles soll hier sichtbar sein, ohne Tricks und doppelten Boden. Es geht um die Vergegenständlichung des Sehens im Akt des Malens. Auffallend ist zugleich der Flirt seiner Bilder mit den Rändern. Wo die Linien, Farbflächen oder gebrochenen Ornamente bis an die Bildgrenze drängen, verführen sie das Auge, darüber hinauszublicken und das Sichtbare als Ausschnitt einer Landschaft zu deuten, eines Alphabets oder eines Teppichmusters, das sich außerhalb des Bildes fortsetzt. Die permanente Überblendung von Detail und Totale belebt so auch die Umgebung der einzelnen Bilder und lenkt den Blick auf ihre Binnenbeziehungen, auf Spannungen und Kontraste und auf das einmütige Verharren aller Elemente in einem Schwebezustand, in dem alles gut ist und in dem zugleich auch alles ganz anders sein könnte.

Frattinis Bilderordnungen funktionieren wie Gedichte, im Wechselspiel von Assonanzen und Dissonanzen, von Reibung und Fluss, Dichte und Leere und rücken dabei den Raum zwischen den Dingen in den Fokus. Inspiriert von seinen wiederholten Aufenthalten in Japan und Südkorea beschäftigt Frattini sich seit Langem mit dem Phänomen des Zwischenraumes und der Leere. In seiner malerischen Praxis treibt er seine Bilder so konsequent auf einen Zustand der absoluten Abwesenheit von Darstellung hin, dass es schwer fällt, etwas anderes in ihnen zu erkennen, als all das, was uns die eigene Seherfahrung anbietet, gewissermaßen als Spur des Bildes, die den Blick zurück in die Außenwelt spült, in die Landschaft jenseits der Malerei.