Dominique Hurth, Privathandtaschen dürfen zum Außendienst nicht mitgetragen werden: Spuren der Zwangsarbeit

Ausstellungsansicht, „Dominique Hurth. Privathandtaschen dürfen zum Außendienst nicht mitgetragen werden“, 18.10.2025-22.3.2026, Württembergischer Kunstverein Stuttgart, Foto: Hans D. Christ
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2. März 2026
Text: Leon Hösl

Dominique Hurth, Privathandtaschen dürfen zum Außendienst nicht mitgetragen werden.
Württembergischer Kunstverein, Schlossplatz 2, Stuttgart.
Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 11.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 22. März 2026.
www.wkv-stuttgart.de

Dominique Hurt
Dominique Hurth, Vorbereitungen für die Prozesse gegen die Belsen-Verbrecher*innen. B.U. 10359. Hinweisschilder zeigen die Lage aller Räume, 2022, Foto: Dominique Hurth
Ausstellungsansicht, „Dominique Hurth. Privathandtaschen dürfen zum Außendienst nicht mitgetragen werden“, 18.10.2025-22.3.2026, Württembergischer Kunstverein Stuttgart, Foto: Hans D. Christ
Dominique Hurt
Ausstellungsansicht Villa Massimo, Rom, 2024, Foto: Dominique Hurth

In Film- und Theaterdepots, stellte Dominique Hurth (*1985) bei ihren Recherchen fest, finden sich die größten Bestände an NS-Uniformen. Ihre genaue Herkunft bleibt oft unklar, doch ist anzunehmen, dass Schauspieler*innen für ihre Rollen meist mit Originalstücken ausgestattet werden. Für ihre Ausstellung „Privathandtaschen dürfen zum Außendienst nicht mitgetragen werden“ im Württembergischen Kunstverein konnte Hurth aus dem Stuttgarter Theaterfundus Mäntel, Röcke und Hosen ausleihen – das Produkt der Zwangsarbeit in der NS-Textilproduktion, zu der Hurth forscht. Sie hängen an einer Theatergarderobe, teilweise direkt aus der Reinigung, bereit für die nächste Aufführung.

Das KZ Ravensbrück, nördlich von Berlin gelegen, wurde für weibliche Inhaftierte eingerichtet und 1940 zur zentralen Textilproduktionsstätte ausgebaut. Die hier inhaftierten Frauen, vor allem Jüd*innen, Sinti*zze und Rom*nja sowie Frauen mit Behinderungen, deckten den gesamten deutschen Bedarf an Uniformen und Häftlingsbekleidung. Unter dem Kommando des ausgebildeten Schneiders Friedrich Opitz wurde ihnen eine enorme Arbeitsleistung abverlangt, durchgesetzt mithilfe der Brutalität der Offiziere und der Aufseherinnen. Bis zur Befreiung des Lagers durch die Rote Armee wurden mindestens 28.000 Personen im KZ Ravensbrück ermordet. Hurths Ausstellung setzt mit den Gerichtsprozessen gegen KZ-Wächterinnen ein. Protokolle, Bildmaterial und Medienberichte dienen ihr als Grundlage, das Zentrum bilden bühnenhafte Elemente aus Rigipsplatten, Nachbauten der improvisierten Architekturen britischer Militärgerichte, die temporär in Lüneburg und Hamburg eingerichtet wurden. Zitate aus Prozessakten bespielen diese Kulissen. Wie fast das gesamte Textmaterial der Ausstellung erscheinen sie in serifenlosen, handgemalten Versalien. Auch Aquarelle sind hier angebracht, abgemalte Fotos aus Gerichtsakten, die nicht technisch reproduziert werden dürfen. Die Zitate sind keiner Person zugeordnet, lassen sich nur aus dem Kontext erschließen und beinhalten Aussagen der Angeklagten und Zeug*innen sowie deren Beurteilung durch Richter und Anwälte. In diesen liegt ein misogyner Unterton: Die Wärterinnen seien aufgrund geringer Bildung nicht in der Lage, die Folgen ihrer Taten zu begreifen, die Opfer könnten aufgrund ihrer Emotionalität und propagandistischen Prägung die Ereignisse nicht objektiv wiedergeben.

Die Ausstellung hält konsequent die Balance: Sie überträgt ihre Quellen medial und dekontextualisiert diese. Zugleich bietet sie eine dosierte historische Einordnung der Ereignisse, insbesondere über Zeitungsartikel, einen Wochenschaubericht und knappe Begleittexte. Gefärbte Stoffbahnen strukturieren den zentralen Ausstellungsraum als Kontrast zu den Texttafeln und den grauen szenografischen Elementen. Dem Versuch einer juristischen Objektivität steht die schiere Präsenz der meterlangen Stoffbahnen gegenüber, ein sanfter, aber unmissverständlicher Verweis auf das Ausmaß der Zwangsarbeit in der NS-Textilproduktion. Dass diese trotz der Verwendung manuell betriebener Maschinen der einzige profitable Zweig der SS-Kriegswirtschaft werden konnte, ist nur durch das ausbeuterische Arbeitsregime zu erklären. Die Ausstellung ist erschütternd und findet kluge Wege, um ein wenig beachtetes Kapitel der Strukturen und Verbrechen im Nationalsozialismus zu vermitteln. Sie legt Versäumnisse der juristischen Aufarbeitung offen, ohne eine überlegene Position einzunehmen. Im Geflecht aus Zeug*innenaussagen, juristischer Argumentation und stereotypen Rollenbildern bleibt das Geschehene Gegenstand einer Inszenierung und verletzlich für Umdeutungen. Umso wichtiger ist die Entscheidung, zwei Serien von Zeitzeuginnen in die Ausstellung zu inkludieren. Die skizzenhaften Arbeiten von Violette Lecoq (1912–2003) und Ceija Stoika (1933–2013) sind bildliche Belege der Geschehnisse im Konzentrationslager, die durch ihre radikale Subjektivität und zeichnerische Unmittelbarkeit keinen Zweifel an dem Ausmaß der Gewalt lassen.