Structures en dérive: Ein Kartenhaus aus Bergpanoramen

Structures en derive
Structures en dérive, Ausstellungsansicht in der Fondation Fernet-Branca, Saint-Louis, 2025, mit Arbeiten von Julian Salinas, Courtesy the artist, Foto: Julian Salinas
Review > Saint-Louis > Fondation Fernet-Branca
12. Januar 2026
Text: Iris Kretzschmar

Structures en dérive – Unraveling Structures – Strukturen in Auflösung.
Fondation Fernet-Branca, 2, rue du ballon, Saint-Louis.
Mittwoch bis Sonntag 13.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 1. März 2026.
www.fondationfernet-branca.org

Structures en derive
Structures en dérive, Ausstellungsansicht in der Fondation Fernet-Branca, Saint-Louis, 2025, mit Arbeiten von Christian Werner, Courtesy the artist, Foto: Julian Salinas
Structures en derive
Structures en dérive, Ausstellungsansicht in der Fondation Fernet-Branca, Saint-Louis, 2025, mit Arbeiten von Mariejon de Jong-Buijs, Courtesy the artist, Foto: Julian Salinas
Structures en derive
Structures en dérive, Ausstellungsansicht in der Fondation Fernet-Branca, Saint-Louis, 2025, mit Arbeiten von Miranda Devita Kistler, Courtesy the artist, Foto: Martin Bilinovac

Einige Jahre war es ruhig um die ehemalige Destillerie von Fernet-Branca an der Grenze zu Basel. In der stillgelegten Fabrik des Bitterschnaps befindet sich seit rund 20 Jahren der Espace d’Art Contemporain, eine im Dreiländereck beliebte Institution für zeitgenössische Kunst. Nun kommt mit einer neuen Leitung ein frischer Wind in den brachliegenden Ausstellungsraum. Olga Osadtschy, die mehrere Jahre am Kunstmuseum Basel als Assistenzkuratorin grosse Ausstellungprojekte betreute, ist nun für Konzeption und Ausstellungsprogramm verantwortlich. Ihre erste Präsentation „Structures en dérive“ zeigt vor dem Hintergrund aktueller unsicherer Perspektiven fotografische Positionen mit erweiterten Erscheinungsformen wie skulpturalen Anleihen, Materialverwandlungen und Kombinationen mit fremden Objekten.

Der Rundgang beginnt mit fotografischen Unikaten des Basler Künstlers Janik Bürgin (*1994). Wie Erscheinungen sphärischer Nordlichter driften die leuchtenden Farbwolken ineinander. Die objektbezogene Ausgangslage ist darin nicht mehr sichtbar, eher öffnet sich ein „malerischer“ Farbraum und lädt das Publikum zur Versenkung.

Es sind keine der üblichen Touristenfotos, die Gina Folly (*1983) von antiken Heiligtümern macht. Die Ruinen von Ephesos haben wilde Katzen erobert und führen zwischen den Besucherströmen ein ungezwungenes Leben. Mit den unterschiedlichen Leben von Tier, Mensch und alten Gemäuern verweben sich Kulturen und Zeitlichkeiten im Bild.

Auch in den Aufnahmen des deutschen Fotografen Christian Werner (*1977) „Gifts from the West“ (2025) durchdringen sich zeitliche Ebenen, wenn kommerzielle westliche Symbole die historischen Fassaden von ehemals sozialis­tischen Gebäuden im Osten von Europa vereinnahmen. Ganz anders stellt Werners experimentelle Serie „Celluloid Secrets“ (2017–) transformiertes fotografisches Material ins Zentrum.

Ein angeketteter kleiner Holzwagen führt zum „Photographic Protocol“ (2024/25) des Genfers Martin Widmer (*1972). In seiner ortspezifischen Rauminstallation thematisiert er fotografische Materialisierungs- und Präsentationsprozesse, inklusive Glas und Aluminium, Kaffeesatz, ausgelaufenen Flüssigkeiten und Notizen. Eine klare Ordnung herrscht hingegen bei „iExist“ (2016–). Mit 730 Screenshots aus zwei Jahren zeigt die holländische Künstlerin Mariejon de Jong-Buijs eine Art konzeptuelles Tagebuch. Auch ihre langjährige Beschäftigung mit Landschaft, findet im nächsten Raum in mehreren grossen Gemälden der Serie „Hopewell Woods“ (2019) einen Niederschlag. Malerisch ist auch die Fotoserie „Gewächshaus“ (2019) des Wieners Martin Bilinovac (*1981), die sich kritisch mit dem Treibhauseffekt auseinandersetzt.

Eine ganze Wand füllt die Meereslandschaft, „Mare“ von Julian Salinas (*1987). Wie die Übersetzung eines Rothko in Fotografie, nimmt sie den Dialog zu Miranda Devita Kistler (*1999) auf. In „Batu dan Banjir“ (2024) untersucht die Künstlerin das Element Wasser auf seinen zerstörerischen und gleichzeitig fruchtbaren Charakter hin und übersetzt Archivbilder ihrer indonesischen Grossmutter in mehrschichtige, textile Gebilde. Die Alpen und ihre Veränderung sind nicht nur Thema im Film „Alpi“ von Armin Linke (*1966), sondern auch Bildmotiv der skulpturalen Installation „Le ciel est noir“ von Julian Salinas. Im Innenhof hat er grossformatige Bergbilder zu einem riesigen Kartenhaus angeordnet. Aufgenommen mit der Camera Obscura, kontrastiert die Zeitlosigkeit der Bergwelt den schnelllebigen Bilderfluss unseres Alltags. Als kontemplativer Ausklang steht dem Publikum noch der betretbare Raum einer Camera obscura zur Verfügung.