Cyprien Gaillard: Wassermusik.
Haus der Kunst, Prinzregentenstr. 1, München.
Mittwoch, Freitag bis Montag 10.00 bis 20.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 22.00 Uhr.
Bis 23. März 2026.
www.hausderkunst.de
Wie sieht die Bavaria die Welt? Das haben sich vielleicht schon einige gefragt, die auf der Münchner Theresienwiese unter der Bronzestatue der Patronin Bayerns standen. So angeduselt, auf dem Oktoberfest, kommt man auf solche Ideen. Nun, in der Ausstellung „Wassermusik“ des französischen Künstlers Cyprien Gaillard (*1980) im Münchner Haus der Kunst kann man genau das erleben: Den Blick der Bavaria aus 18 Metern Höhe auf das bierselige Treiben auf dem Oktoberfest. Wobei dieser Blick durch zwei Löcher im Helm der Bavaria erfolgt, durch die Gaillard mit einer höchstauflösenden Arri-Kamera gefilmt hat. Diese schafft 120 Bilder pro Sekunde und hat eine Projektionsgeschwindigkeit, die fünfmal schneller als im Kino ist. Da kann einem nicht nur des Themas wegen der im Durchschnitt auf etwa 60 Bilder pro Sekunde eingestellte Kopf schwirren. Geboten wird dieses ungewöhnliche Oktoberfest-Panorama in dem halbstündigen, stereoskopischen Film „Retinal Rivalry“ von 2024, der im Zentrum der Ausstellung steht. Und der zuvor auch schon in Basel, Turin und Berlin zu sehen war. Dafür braucht es eine 3D-Brille. Aber auch damit gelingt es nicht immer, dem Gesehenen zu folgen. Darauf spielt der Titel an. Meint „Retinal Rivalry“ doch ein visuelles Phänomen, das auftritt, wenn das Gehirn zwei widersprüchliche Bilder gleichzeitig empfängt. Dabei wechselt das Hirn zwischen den Bildern hin und her anstatt zu einer einzigen Wahrnehmung zu verschmelzen. Was der Beschreibung nach zu Verwirrung und Unruhe führt. Auch das erinnert irgendwie an den Rausch als Phänomen. Und damit auch an die Installation „The Recovery of Discovery“, eine Bierpyramide, mit der Gaillard 2011 in Berlin Aufsehen erregte. Danach war es recht ruhig um den damals hoch gehandelten Künstler geworden.
Wobei das Oktoberfest nur einen Teil der Filmhandlung ausmacht. Darüber hinaus geht es auf Deutschlandreise. Das heißt: Nach Nürnberg an die Stadtmauer und zu einer Fast-Food-Filiale im einstigen Reichsparteitagsgelände. Es geht zum Dom in Aachen und Köln, wo man in ein Parkhaus integrierte, römische Fundamente sieht. Und ein Denkmal für Tünnes und Schäl, die Kultfiguren des Hänneschen-Puppentheaters. Wir reisen zum Dresdner Caspar-David-Friedrich-Denkmal, zum Elbsandsteingebirge. Irgendwann rast die Kamera eine Graffitimauer in Berlin entlang. Bis wir wieder in München sind. An der Statue des Komponisten Orlando di Lasso, die seit einigen Jahren als DIY-Denkmal für Michael Jackson dient.
Wie das zusammenhängt, wird einem erst mal nicht klar. Auch deshalb, weil die Kamera das nicht dokumentarisch, sondern sehr experimentell einfängt. Sie fliegt, ist häufig in Bewegung, scheint sich für die Nase von Tünnes sehr zu interessieren. An der Nürnberger Stadtmauer suggerieren Tonspur und Kamera, dass wir alles aus der Perspektive einer Ratte erleben. Bilder überlagern sich, gehen durcheinander. Wie auch der Ton und die Musik. Da steht überarbeitete indonesische Instrumentalmusik neben Feldaufnahmen oder der Ouvertüre von Popol Vuh zu Werner Herzogs Film „Aguirre, der Zorn Gottes“. Was sich irgendwie herauskristallisiert: Es geht um deutsche Geschichte und wie sich diese in Denkmälern oder Gebäuden manifestiert. Es geht um hohe Kultur, aber auch Banales. Wie der Blick in einen und aus einem Altglas-Container. Vieles ist faszinierend, verwirrend, zuweilen hat man den Eindruck, als hätte Gaillards Faszination für die Technik den Weg diktiert. Wem das zu viel wird, der kann sich im Nebenraum beruhigen. Dort steht mit „Absorbent Figure“ eine kleine, weinende Buddha-Statue. Darum herum: Möbel und Objekte aus den 1930ern bis heute, die aus dem Archiv des Museums sind. Sie sollen die wechselhafte Geschichte des NS-Gebäudes erzählen, was aber nur bedingt gelingt. So wie Gaillard auch im Video Orte und Dinge für sich selber sprechen lassen will. Auch das glückt nicht immer, bietet aber dennoch neue, ungewohnte Perspektiven auf das Land, in dem der in Paris geborene Gaillard seit Jahren als Wahl-Berliner lebt.




