Cemile Sahin: BB – Born to Bloom.
Kunst Halle Sankt Gallen, Davidstr. 40, St. Gallen.
Dienstag bis Freitag 12.00 bis 18.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 16. November 2025.
www.k9000.ch
Manche Pflanzen sind derart ortsgebunden, dass sie nur in ihrem ursprünglichen, begrenzten Habitat existieren können. Die Gula Xemgin wächst in den kurdischen Bergen auf einer Höhe von 1.500 bis 3.000 Metern. Dort ist sie mittlerweile vom Aussterben bedroht. Für viele Kurdinnen und Kurden ist sie ein Symbol für die eigene Verbundenheit mit der Herkunft. In Cemile Sahins Ausstellung in der Kunst Halle Sankt Gallen „BB – Born to Bloom“ ist sie eine der beiden titelgebenden Pflanzen, deren Sinn und Zweck es ist, zu blühen. Die andere ist die Geranie, die insbesondere in Schweizer Balkonkästen ziemlich Karriere gemacht hat. „In Wahrheit“, so heißt es auf der LED-Laufschrift in Englisch, „war sie eine Uniform, aus Blütenblättern genäht, diszipliniert durch ihre Farbe. Immer rot. Manchmal weiß. Niemals wild: Jetzt blicken sie aus jedem Fenster. Tausend kleine Fahnen, die sich wie ein endloses Regiment über die Straße neigen“. Der Saalzettel legt nahe, dass es eben dieses Geranienrot in den Schweizer Flecktarn geschafft hat. Sahin (*1990) ist auch Autorin, ihr Roman „Kommando Ajax“ stand auf der Shortlist des Preises der Leipziger Buchmesse. Texte sind Teil ihrer Ausstellungen, meist sind sie zugespitzt.
Cemile Sahin, die selbst aus einer kurdischen Familie kommt und mittlerweile in Berlin lebt, setzt in ihrer St. Galler Ausstellung auf Dichotomien. In ihrer großen Videoinstallation „BB – Born to Bloom“ ist auf der einen Seite einer Projektionsfläche im ersten Raum eine rasant geschnittene Videocollage zur Schweiz, auf der anderen zu Kurdistan zu sehen. Auch die Geranien und die Gula Xemgin kommen vor. Der schnelle Bildwechsel der nur fünf Minuten dauernden Arbeit flacht die Unterschiede zwischen den beiden Bergregionen ab, alles wirkt plakativ. Tatsächlich ist es ja komplizierter. Die Geranie etwa, genauer die Pelargonie, ist eine Migrantin aus Südafrika. Unwahrscheinlich, dass das Rot des bunten Camouflagemusters, das im Ausstellungsraum einige Säulen bekleidet, von der Geranie kommt, es ist noch nicht einmal eine Schweizer Erfindung. Die Gula Xemgin wiederum gedeiht als Kaiserkrone ganz gut in Schweizer Bauerngärten. Das Autochthone mag wichtig für die jeweilige Identität sein, es ist jedoch konstruiert.
Die kurzen Sequenzen der Videoinstallation drängen auf einen ein, sie potenzieren die sehr verführerische Ästhetik von kurzen Netzvideos, unterlegt mit Musik. Sie stammen aus dem Internet, von privaten Videos, Imagefilmen der Schweizer Armee und aus kurdischen Archiven. Ginge nicht alles derart schnell, man sähe eine Ableitung der Embleme militärischer Organisationen von ikonischen Bergtieren wie dem Steinadler. Die Bilder aus Kurdistan vermitteln etwas vom Pathos des Widerstandes, während die Schweiz mit ihren Bunkeranlagen und der Armee so gar nicht wie ein freies, eher wie ein getriebenes Bergvolk wirkt. Auf der einen Seite kurdische Kleidung, auf der anderen Szenen aus der Anime-Serie „Heidi“, dazwischen Militärübungen und sehr viele Luxusuhren. „You feed markets. You shape future“ oder „You treasure values – you treasure nothing“, heißt es da. Marketingsprüche werden durch ihre umgehende Negation entzaubert.
In dem zweiten Video der Ausstellung „Gewehr im Schrank“ benutzt Sahin Text als eine Erweiterung der Bildebene. Auf einem Screen, der von zwei Wänden eingekeilt ist, sieht man eine KI-generierte Frau. Sie rezitiert die Lieder, die in der ersten Szene von Schillers „Wilhelm Tell“ die Landschaft der Schweiz feiern. „Farewell you meadows“ steht etwas zu grell in gelb auf Rot auf den Wänden. Die Bilder des Videos jedoch dekonstruieren das Selbstbild einer idyllischen, vor allem neutralen und friedlichen Schweiz. Die besungene Natur und die geschäftigen Städte werden zu Kulissen von Militärmanövern, irgendwo zwischen Computerspiel und Simulationsprogramm. Das Land ist nicht nur ein bedeutender Rüstungsproduzent, viele Schweizer Männer haben auch das besagte Gewehr im Schrank. Häusliche Gewalt endet da schnell mal tödlich.





