Eve Tagny: In the Underbelly of a Kernel.
Westfälischer Kunstverein, Rothenburg 30, Münster.
Mittwoch bis Sonntag 11.00 bis 19.00 Uhr.
Bis 5. Oktober 2025.
Bild- und Textmaterial aus Eve Tagnys Soloschau ist auch Teil der Ausstellung „Themenraum Kolonialismus“ im Stadtmuseum Münster, Salzstr. 28.
Dienstag bis Freitag 10.00 bis 18.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 15. Juni 2026.
[— artline>Nord] Der LWL-Museumskomplex in Münster ist ein schönes Beispiel für eine Architektur, die durch bauliche Transparenz suggeriert, Licht in die verborgene Ordnung des Wissens zu bringen, die sie repräsentiert. Heller Stein, großzügiger Grundriss, bodentiefe Panoramafenster – alles so schön übersichtlich hier. Aber erlaubt diese Transparenz tatsächlich einen Blick auf die Dynamiken der Macht, die hier wirken? Ermuntert sie, nachzufragen, nachzuhaken, den Finger in die Wunde zu legen?
Auch der Westfälische Kunstverein ist Teil dieses Museumskomplexes. Und es ist gut, dass hier mit der in Montréal geborenen Eve Tagny (*1986) derzeit eine Künstlerin zu Gast ist, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, hinter die Fassaden zu blicken, und die Menschen dazu einlädt, mit ihr gemeinsam auf Spurensuche zu gehen. „In the Underbelly of a Kernel“ ist ihre erste Einzelausstellung in einer Institution außerhalb Kanadas, wo sie Film und Journalismus studierte, bevor sie begann, künstlerisch zu arbeiten. Ihr Faible für intensive Recherchen und ihr Gespür für Dramaturgie kommen ihr dabei zugute.
Im großen Schaufenster, das die Räume des Kunstvereins zur Stadt hin öffnet, hat Tagny eine Wand aus Strohballen gestapelt, die von Rüschenbändern zusammengehalten werden, bestickt mit Zitaten und Fragmenten aus Texten von postkolonialen Theoretiker*innen wie Max Haiven, Sylvia Winter und Robin D.G. Kelley. „The colonial present“ steht da unter anderem zu lesen. Tatsächlich ist die koloniale Gegenwart, auf die Tagny anspielt, beim Blick nach draußen zum Greifen nahe: Nebenan etwa, im gerade eröffneten Geomuseum mit seinen Mineral- und Gesteinssammlungen, die bei der Suche westlicher Forscher nach ausbeutbaren Lagerstätten im globalen Süden anfielen; oder direkt gegenüber, beim EDEKA – die Abkürzung stand ursprünglich für Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler. Eine Viertelstunde Fußweg entfernt, im Botanischen Garten der Uni Münster, die Wilhelm II. erst kürzlich aus ihrem Namen strich, gedeihen von deutschen Kolonialisten nach Westfalen importierte Pflanzen aus Ostafrika in den Gewächshäusern. Der Liste kolonialer Spuren in Münster ist im Stadtmuseum momentan eine eigene Ausstellung gewidmet.
Eve Tagny interessiert sich schon seit längerem für botanische Gärten und für das, was die westliche Wissenschaft „Koloniale Botanik“ nannte. Sie sieht in ihnen ambivalente Orte. Zum einen dienten sie den Kolonialmächten zur Erforschung der Zucht und Nutzung afrikanischer Pflanzen in Europa, wodurch die asymmetrischen Machtverhältnisse innerhalb der kolonialen Räume weiter zementiert wurden. Zum anderen beschreibt Tagny sie als Speicher für verdrängtes Wissen und für die Potenziale eines Verhältnisses von Mensch und Natur, das einer Logik der Kontamination folgt und nicht der Extraktion.
In ihrer zweiteiligen Videoarbeit „Precarious Architecture“ erkunden zwei Schwarze Performerinnen diese Verbindung in mimetischen Choreografien zwischen Palmgewächsen und bröckelnder Gartenarchitektur. Auf rohe Holzgestelle aufgebockt, flankieren die Video-Screens zwei über Rampen begehbare Podeste, in die aus Ton gebrannte Gefäße eingelassen sind, bestückt mit getrockneten Zweigen und Ketten aus Kaurimuscheln. Als Hybride zwischen Landschaftsmodell und Museumsdisplay laden sie die Besuchenden ein, sich physisch mit der Geschichte unter ihren Füßen auseinanderzusetzen – und auch mit der Zukunft dieser Geschichte. Denn Landschaften sind für Tagny wandelbare Orte individueller und kollektiver Erinnerung. Die Spuren von Herrschaftsverhältnissen und den Erschütterungen der Kolonialgeschichte, die in sie eingeschrieben sind, machen sie zugleich zu Orten der Trauer, des Gedenkens und des Nachdenkens über neue, künftige Formen von Verbindung und Koexistenz.







