Tavares Strachan: Supernovas.
Kunsthalle Mannheim, Friedrichsplatz 4, Mannheim.
Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch bis 20.00 Uhr.
Bis 24. August 2025.
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Wo Dunkelheit ist, ist auch Licht. Dennoch würde alles davon abhängen, ob jemand selbst in der Lage ist, Licht ins Dunkel seiner Existenz zu bringen. So etwa hat es der große afroamerikanische Schriftsteller James Baldwin formuliert. Das mit Neon in den Raum gestellte Zitat eröffnet die Ausstellung von Tavares Strachan in der Kunsthalle Mannheim. Der 1979 in Bahamas geborene Künstler platziert sich gerade in der ersten Reihe der internationalen Kunstszene. Seine Schau „Supernovas“ in der Kunsthalle Manheim macht seinem Ruf alle Ehre. Zu sehen sind sehr unterschiedliche Werkgruppen, in denen er geistreich und ironisch scharfe Kritik an der hegemonialen Wissensproduktion übt. Der Künstler war der Kuratorin Luisa Heese auf der Biennale von Venedig aufgefallen, wo er mehrfach in Erscheinung getreten ist. Sie besuchte Tavares Strachan in seinem Atelier in New York und konnte ihn zu einer ersten Tuchfühlung mit Deutschland überzeugen. Inzwischen scheint es so gut wie sicher zu sein, dass der Künstler 2027 an der nächsten documenta in Kassel teilnimmt. Die Leiterin des 2026 stattfindenden Mega-Events, Naomi Beckwith, ist bei einer Präsentation auf das Werk von Tavares eingegangen. Die Kunsthalle Mannheim hat einen Volltreffer gelandet.
Das Werk von Tavares Strachan kann als Akt der Selbstermächtigung verstanden werden. Mit Esprit und Witz korrigiert der Künstler vermeintlich unverrückbares Weltwissen. Seine „Enzyklopädie der Unsichtbarkeit“ stellt nichts weniger dar als eine Neufassung der Encyclopedia Britannica. Ein Pavillon zeigt bis unter die Decke einen Bruchteil der 17.000 in den letzten zehn Jahren neu zusammengetragenen Einträge. Sie sind grafisch überblendet mit geometrischen oder schematischen Zeichnungen und Fotografien. Lesbar sind sie nicht. Mit diesem Projekt antwortet der Künstler auf ein Erlebnis. Bei seinen Großeltern stand eine Ausgabe der Encyclopedia Britannica im Regal. Doch enthielt sie nichts, was das Leben eines Schuljungen in Bahamas ausmachte. Tavares Strachan denkt in großen Bögen. Im Laufe seines Studiums war ihm aufgefallen, dass afroamerikanische Persönlichkeiten wie der Polarforscher Matthew Henson oder der US-Astronaut Robert Henry Lawrence Jr. so gut wie unbekannt geblieben sind. Er vertiefte sich in ihre Geschichten, absolvierte selbst eine Reise in die Arktis und ein Astronautentraining. Eine aus Neon geformte Zeichnung der Lebensbahnen eines fallenden Körpers erinnert an Robert Henry Lawrence Jr., der bei einem Starfighter-Testflug mit einem Flugschüler am Steuer den Tod fand. Seine Ehefrau musste rassistische Häme erdulden, die Genugtuung weißer Amerikaner, dass die Weißen zumindest im All noch unter sich blieben. Strachans aufwendige Szenarien umgarnen Geist und Auge. Atemberaubend schön ist die Serie „Mind Field. A Map of the Crown“. Mehrere Bronzebüsten von Frauen und Männern sind bekrönt mit kunstvollen Frisuren aus Afrohair. „Der skulpturale Umgang mit Haaren stellt eine eigene Kulturgeschichte dar“, erklärt Kuratorin Luisa Heese. Strachan habe sich auf traditionelle Frisuren aus verschiedenen Regionen Afrikas bezogen, die eine eigene Ästhetik entwickelt haben. Mit dem Material sind auch einzelne Tafeln beflockt, die das schwarze Quadrat auf weißem Grund von Kasimir Malewitsch zitieren und umdeuten.
Sein Werk möchte Tavares Strachan als universelle Geste verstanden wissen: „Die Geschichte, die ich erzähle, ist die Geschichte der Menschheit. Das Spezifische meiner persönlichen Geschichte ist mit der Menschheitsgeschichte verbunden. Wenn man tiefer in die eigene Geschichte blickt, findet man die Geschichte von Jedermann darin. Das ist es, was mich interessiert.“ Der Künstler versetzt Dichtung, Wissenschaft, Musik und Geschichte in eine gemeinsame Schwingung. Es geht um die Veränderung des Blicks auf die Welt. Mit seinem „Intergalaktischen Palast“ denkt er in die Zukunft. Von außen zitiert er eine Urform menschlicher Behausung, während innen die geodätische Konstruktion des Architekten Buckminster Fuller sichtbar wird. Im Zentrum steht ein DJ-Tisch, im Takt der Musik leuchten Sterne auf. Die Reise ins Unbekannte kann beginnen.



