Doug Aitken, Return to the Real: Grenzen überqueren

Doug Aitken
Doug Aitken, Wilderness, 2022, Installationsansicht, © Doug Aitken, Courtesy of the artist, 303 Gallery, New York, Galerie Eva Presenhuber, Zürich, Victoria Miro, London, Regen Projects, Los Angeles, Foto: Frank Kleinbach
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6. Mai 2024
Text: Astrid Kaminski

Doug Aitken: Return to the Real.
Schauwerk Sindelfingen, Eschenbrünnlestr. 15, Sindelfingen.
Mittwoch bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 16. Juni 2024.
www.schauwerk-sindelfingen.de

Doug Aitken
Doug Aitken, Crossing the Border, 2018, Installationsansicht, © Doug Aitken, Courtesy of the artist, 303 Gallery, New York, Galerie Eva Presenhuber, Zürich, Victoria Miro, London, Regen Projects, Los Angeles, Foto: Frank Kleinbach
Doug Aitken
Doug Aitken, 3 Modern Figures (don’t forget to breathe), 2018, Faurschou Collection, Installationsansicht, © Doug Aitken, Courtesy of the artist, 303 Gallery, New York, Galerie Eva Presenhuber, Zürich, Victoria Miro, London, Regen Projects, Los Angeles, Foto: Frank Kleinbach

Der Horizont über dem Meer ist glutrot. Funken tanzen über das Wasser. Schön und schrecklich. Wenn die Sonne in diese ästhetische Hölle sinkt, zucken die Menschen am Strand ihr Mobiltelefon und filmen. Alle Hände gehen in die Luft. Ein spontanes technoreligiöses Ritual. Die Polizei überwacht die Szene. Niemand darf den anderen zu nahekommen. Es herrscht Pandemie in Kalifornien. Gleichzeitig lodern Waldbrände. Diese Katastrophenparallelität, die das Drama gleichzeitig potenziert und entrückt, ist auf Doug Aitkens (*1968) großformatigen Video „Wilderness“ (2022) zu sehen. Es bildet, im Surroundsystem angeordnet, das räumliche Zentrum seiner Solo-Ausstellung „Return to the Real“ im Schauwerk Sindelfingen. Um „Wilderness“ gruppieren sich Arbeiten, die ähnlich zwischen menschlicher Endzeitstimmung und dem Bedürfnis nach ästhetischer Erfahrung alternieren. Figuren aus Fiberglas in Erschöpfungshaltungen, von innen erleuchtet: Gefühle, die den einsackenden Körper durchpulsen. Oder Tiere, die in verlassene Motelzimmer eingeladen wurden und die Bedauerlichkeit menschlicher Dinge – stilllebenhaft beleuchtet – demonstrieren. Diese Stimmung dystopischer Melancholie, in der die Situation bedrängender wird, aber die am eigenen Leib fühlbare Katastrophe noch auf Abstand bleibt, kann Doug Aitken meisterlich inszenieren. Noch geht es irgendwie im Rahmen des Bekannten weiter, noch ist das Wissen ums falsche Leben schlimmer als die Effekte davon.

Durch diese eigentlich unerträgliche, aber ja doch täglich reproduzierte Dekadenz lassen die Ausstellungsmacher:innen einen unzeitgemäßer Pilger laufen: Gandhi. Überlebensgroß. Seine ikonographische, scherenschnittartige Figur stützt sich auf einen durch eine Leuchtorgel illuminierten Pilgerstab. Die Skulptur von 2018 bezieht sich auf Gandhis wohl bekannteste friedliche Protestaktion gegen die britische Kolonialmacht in Indien: den Salzmarsch (1930). Der Handel von Salz, ein Grundnahrungsmittel, war den Besatzern vorenthalten. Auf den Erwerb mussten hohe Steuern gezahlt werden. Aus Protest wanderte Gandhi, geleitet von anderen Mutigen, ans Meer, schöpfte Wasser, ließ es verdampfen. Übrig blieb das kostbare Gut. Die Gandhi-Figur überrascht zwischen diesen letzten Ausläufern der „schönen“ alten Welt. Eine Art Wiedergänger, der zwischen den Zeichen der Zeit auftaucht. „Return to the Real“, wie der Ausstellungstitel fordert, mit Gandhi? In einer Zeit, in der gewaltfreier Widerstand und ziviler Ungehorsam allenfalls ein paar symbolische Bäume retten, aber weder Waldbrände verhindern noch brutale Regimes und Ökonomien unterwandern können? Aitkens Gandhi-Figur wirkt nicht idolhaft, trotz ihrer Größe nicht erdrückend. Eher wie ein Fragezeichen im Raum. Wasser rieselt aus ihr in ein mit Kieseln ausgekleidetes Becken. Verwässert sie? Oder symbolisiert der Wasserkreislauf die Frage, welche Ideen des pazifistischen Unabhängigkeitskämpfers sich noch recyclen lassen? An welchen neuen Ufern sie willkommen geheißen werden?

Für welche Wirklichkeit steht Gandhi? Für die vielen Ohnmachten friedlichen Widerstands gegenüber militaristischer und konsumistischer Aufrüstung? Oder aber die Ohnmachten gegenüber demokratiefeindlichen Befindlichkeitsprotes­ten, die Werkzeuge zivilen Ungehorsams nutzen, um in erster Linie Aggressivität freizusetzen? Oder für den Mangel an diskursivem Geleitsschutz, wenn es das hohe Gut der Gewaltfreiheit und deren (immer wieder neu zu ermittelndes) Ethos geht? Gandhi war nicht nur ein prominenter Vertreter des pazifistischen Widerstands, sondern auch des Anti-Kapitalismus. Seine Kraftanstrengungen waren in beiden Beziehungen immens. Es ging ihm, bei allen Fehlbarkeiten, nicht um irgendeinen Widerstand, sondern um die beste Art davon. „Gewaltloser Widerstand“, schrieb Aldous Huxley, bedeute „die enorme Kraftanstrengung zu unternehmen, die nötig ist, um das Böse mit dem Guten zu überwinden“. In diesem Sinn konfrontiert der symbolische Pilger unter dem Titel „Crossing the borders“ in Aitkens Schau auch mit der Frage der Übereinstimmung von innerer und äußerer Realität. Was ist die eigene Wirklichkeit gegenüber dem Wissen, ein falsches Leben zu führen? Das Sindelfinger Schauwerk öffnet einen meditativen Raum, sich ihr zu stellen.