Lena Grossmann: Mimetic Bodies.
Kunstverein Freiburg, Dreisamstr. 21, Freiburg.
Mittwoch bis Freitag 15.oo bis 19.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 12.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 21. April 2024
Sprache und Zeichen lassen uns Bewegungen vorstellen, ermuntern zum Handeln. Sei es im Bahnhof, auf der Suche nach dem richtigen Gleis, an der Ampel oder beim Spielen: Nehmen Sie diese Rolltreppe, gehen Sie jetzt, ziehen Sie eine Karte. Tun Sie dies, tun Sie das – das gibt Sicherheit. Und tut gut an Orten, an denen Regeln gelten, die vielleicht nicht jede und jeder kennt, weil die Ordnung des täglichen Lebens hier nicht nur das Zusammenleben reguliert, sondern auch Gegenstand intensiver Beobachtung und Auseinandersetzung ist. Ein solcher Ort ist der Kunstverein Freiburg.
Der Saal ist hell erleuchtet und menschenleer. Aus der Ferne dringt das sonore Brummen der LKW, die in endloser Kolonne am Haus vorbei kriechen. Ansonsten ist es still. Eine Treppe im Nebenraum des Foyers führt auf die umlaufende Galerie, mit schlichtem Metallgeländer. Vor Jahrzehnten hatten Gäste von hier aus einen Blick auf das Schwimmbecken im Erdgeschoss, den diffusen Klang von Kindergeschrei, klatschendem Wasser und der Trillerpfeife des Bademeisters im Ohr. 1938 erbaut, in den Siebzigern geschlossen, danach ein Viertjahrhundert ungenutzt. Während des Zweiten Weltkrieg erholten sich hier deutsche Soldaten. 1997 wurde das Schwimmbecken dann mit einer Betondecke versiegelt und der Kunstverein zog ein. Jetzt steht oben vor der Wand in blauen Lettern auf dem Boden: IMAGINE THE SPACE BEHIND YOU TO BE A SWIMMING POOL.
In Gedanken das Abwesende fokussieren ist ein zentrale Strategie Lena Grossmanns in ihrem Artistic-Research-Projekt „Mimetic Bodies“. Die Vorstellung von einem Raum aufzurufen und die Möglichkeiten, wie wir uns in ihm bewegen, bevor wir es dann physisch tatsächlich tun, eine andere. SIT DOWN AND PUT YOUR LEGS THROUGH THE RAILING. IMAGINE FLOATING THEM IN WARM WATER.
Seit 2022 erforscht die Künstlerin und Komponistin, wie alltägliche Körperbewegungen als Codes funktionieren, mit denen wir uns in unserer Umgebung verorten oder in Beziehung zu anderen Körpern. „Betreten wir einen Raum, in dem bereits jemand anwesend ist, haben wir, anders als im leeren Raum, sofort eine vorgezeichnete Idee davon, wie wir uns zu diesem Körper verhalten“, sagt Grossmann. „In welchen Gesten äußert sich diese Beziehung, auf welches Körperwissen greifen wir dabei zurück?“ Und wie wichtig sind mimetische Prozesse für die Bildung dieses Körperwissens – das Beobachten und Annähern, Einfühlen und Nachahmen, Wiederholen und Aneignen?
Lena Grossmann hat Anfang 2024 viel Zeit im Kunstverein Freiburg verbracht. Erst allein, um den Raum und seine Eigenheiten zu erkunden. Dann mit fünf Performerinnen, mit denen sie schließlich einen rund einstündigen Parcours für eine partizipative Performance einstudierte, dessen Verlauf sie zuvor in einer weitläufigen Zeichnung auf den Boden gebracht hatte.
Grossmann nennt diese Zeichnung Score. Es ist eine skizzenhafte Partitur aus Pfeilen und Linien, Kreisflächen und blauen Ovalen, die einzeln oder paarweise auf dem Boden kleben, sich in Schwärmen organisieren, an der Wand aufreihen oder in lockerer Formation durch den Raum mäandern. Flankiert werden sie von kurzen Texten, die in ineinander übrgehenden Kapiteln wie LANGUAGE, EMPATHY, REPETITION oder GAZE sortiert dazu animieren, den eigenen Körper zum Raum in Beziehung zu setzen oder zu einem direkten Gegenüber. POSITION YOURSELF OPPOSITE OF EACH OTHER. IMITATE EACH OTHER SIMULTANEOuSLY, MOVING YOUR ARMS AND YOUR HEAD, steht dort auf dem Boden, oder: STAND BEHIND YOUR PARTNER WITH A DISTANCE OF AT LEAST TWO METERS. STAY LIKE THIS FOR A WHILE. Andere fordern zum Agieren in der Gruppe auf: WALK THROUGH THE SPACE TOGETHER. KEEP WALKING IN YOUR OWN MANNER. Oder: SYNCHRONIZE YOUR STEPS. Für Handlungsanweisungen wie diese ist die Anwesenheit anderer Körper unerlässlich. Beobachtung, Einfühlung und Nachahmung beziehen sich hier auf das Sichtbare und setzen die anwesenden Körper gegenseitig in Bewegung. Die Gleichzeitigkeit des Beobachtens und des Beobachtet-werdens macht so jede Bewegung zum potenziellen Material für die Nachahmung durch die Körper der anderen. Im Mimetischen entfalten sich die sozialen Beziehungen.
Ein Großteil der Handlungsfelder von „Mimetic Bodies“ adressiert dagegen das Abwesende, also die lediglich erinnerte Bewegung eines anderen Körpers oder die im Gedächtnis abgespeicherte Situation. Diese Erinnerungen abrufen zu können setzt unterschiedliche Zugriffe auf das eigene Körperwissen voraus – je nach dem, wie eng die Erinnerung mit einer konkreten Person oder einer als besonders erinnerten Situation verbunden ist; oder mit Alltagssituationen, die von vielen geteilt werden und die in der Summe wiederum eine Art kollektiven Bewegungskanon hervorbringen, der uns oft so geläufig ist, dass wir ihn kaum als solchen wahrnehmen. Wir warten, sitzen im Bus oder bewegen unsere Finger über den Screen des Smartphones und folgen dabei den gestischen Pfaden, die uns Architekturen oder Betriebssysteme legen, aber auch das Handeln der Mitwartenden.
Lena Grossmann entwickelte „Mimetic Bodies“ 2022 für den Kunstraum Lothringer 13 der Stadt München. Über mehrere Wochen beobachtete sie dafür absichtslose Bewegungen von Menschen im öffentlichen Raum. Das Verschränken von Armen, das Ausstellen eines Beins, Hände, die den Kopf stützen. Ein kleiner Schritt zurück für mehr Distanz oder das Anheben einer Hacke, um verstohlen zu prüfen, ob etwas unter der Sohle klebt. „Wir alle wissen, wie sich diese Bewegungen anfühlen“, sagt Grossmann.
In „Mimetic Bodies“ bilden sie nicht nur das gestische Grundvokabular der Performerinnen, die Grossmanns Score zusammen mit einer begrenzten Zahl von Teilnehmerinnen aktivieren, sondern ebnen Besucherinnen auch ohne Konfrontation mit einem Gegenüber den Weg zum eigenen Körperwissen. Dieser führt bei Lena Grossmann über die Kraft der Imagination und über die Adressierung von Empathie. WALK THROUGH THE SPACE. IMAGINE YOU ARE ACCOMPANYING AN OLDER PERSON. ADAPT YOUR STEPS. Sich in den Körper eines älteren Menschen hineinzudenken, um ihn in angemessenem Tempo durch den Raum zu begleiten, setzt eine konkrete Vorstellung von den Fähigkeiten und der Belastbarkeit des alternden Körpers voraus.
Dass sich diese Vorstellung aus der Erfahrung speist – aus vergangenen Beobachtungen und aktiv geleisteten Hilfestellungen – und damit eng verwoben ist mit dem sozialen Gedächtnis der in Grossmanns Partitur jeweils agierenden Einzelpersonen, macht „Mimetic Bodies“ zu einer vielteiligen Versuchsanordnung über die Komplexität mimetischer Prozesse und der Flüchtigkeit ihres Objekts. Wie sicher ist die Erinnerung an die Körper der anderen, die wir in der Vorstellung aufrufen, um uns ihnen zu nähern, uns einzufühlen und sie nachzuahmen? Indem wir uns in der mimetischen Handlung den abwesenden Körper als Gegenüber vergegenwärtigen, aktivieren wir ein anderes als das medizinische, physikalische oder biologische Wissen. Es ist ein situatives Wissen, in dem sich Erinnerung, Wahrnehmung und Erwartung überschneiden und das uns ermöglicht, gleichermaßen die Innen- und Außenperspektive auf unseren eigenen Körper und seine Beziehungen im Raum einzunehmen. Nicht zufällig öffnet einer der letzten Handlungsvorschläge von Lena Grossmann erneut die Tür in den Score „Mimetic Bodies“. Es ist ein dezenter Hinweis auf die Tatsache, dass es kein Zurück gibt hinter das soeben Erfahrene und das dabei erworbene Körperwissen: REMEMBER THE FIRST TIME YOU ENTERED THIS SPACE. RECALL YOUR IMPRESSION.




