Silke Otto-Knapp, Bühnenbilder: Der inszenierte Körper

Silke Otto-Knapp, Untitled (Versammlung II), 2022, Courtesy Astrup Fearnley Collection, Oslo, Ausstellungs­ansicht Kunstverein in Hamburg, Foto: Fred Dott
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9. März 2024
Text: Belinda Grace Gardner

Silke Otto-Knapp, Bühnenbilder.

Kunstverein in Hamburg, Klosterwall 23, Hamburg.
Dienstag bis Freitag 12.00 bis 18.00 Uhr, Samstag bis Sonntag
11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 14. April 2024.

www.kunstverein.de

Silke Otto-Knapp, Stage (after Kurt Schwitters), 2017, Courtesy Galerie Buchholz, Cologne/ Berlin/ New York, Ausstellungs­ansicht Kunstverein in Hamburg, Foto: Fred Dott
Silke Otto-Knapp: Bühnenbilder, 2024, Ausstellungs­ansicht Kunstverein in Hamburg, Foto: Fred Dott

[—artline Nord] Freischwebenden Schattenspielen gleich, in denen die Akteur:innen für einen Moment in ihrer Bewegung innehalten, geraten Silke Otto-Knapps anmutige Bildtafeln auf der oberen Etage des Kunstvereins in Hamburg fast magisch in Schwingung. Die schwarz-weiß-tonigen Ansichten von silhouettenhaften Figuren erinnern an auf menschliches Maß vergrößerte fotografische Negative, die sich in unendlich vielen Grauabstufungen auffächern: eine Fülle der Grisaille-Töne, shades of gray. Wie beim Blick in eine nächtliche Umgebung offenbaren die fast irisierenden Nuancen erst nach und nach die Formen und Inhalte, die sie transportieren. Das Auge muss sich langsam einschauen ins Geschehen, das die 1970 im niedersächsischen Bohmte geborene, 2022 in Pasadena, USA, verstorbene Künstlerin mit zartschattierten Aquarellpigmenten malerisch evoziert.

Silke Otto-Knapps „Bühnenbilder“, so der Titel der berührenden, in ihrer wandlosen Präsentation buchstäblich Raum gebenden Ausstellung im Kunstverein in Hamburg, thematisieren den vielfältig inszenierten Körper in den performativen Künsten und darüber hinaus. Dabei erweitern sich Bühnentanz und Bühnenhandlung in die Wirklichkeit der Betrachter:innen hinein, eine Grenzaufhebung zwischen Bild und Publikum, bei dem die Realität selbst als Bühne, die Anwesenheit darin als Teil einer Choreografie des individuellen und kollektiven Lebens greifbar wird. Entsprechend erscheinen die Prota­gonist:innen in den auf Tanz, Theater, Film und Oper sowie dem Mode-Runway verweisenden Darstellungen wie Kippfiguren, die zugleich einer Rahmenhandlung folgen und dem jeweils eigenen Wesen Ausdruck geben. Die spezifische Choreografie großer räumlicher Offenheit und präziser bildlicher Setzung entwickelte die Künstlerin noch selbst für den spezifischen Ort.

In Hamburg bündelt sich das „Wissen des Tanzes“, wie es Kunstvereins-Direktor Milan Ther treffend fasst, in Tableaus, die Bezug nehmen auf verschiedene Avantgarde-Bühnen sowie auf bahnbrechende Performer:innen und Performances, darunter Arbeiten und Konzepte des Dada-Protagonisten Kurt Schwitters, der US-amerikanischen Tänzerin und Choreografin Anna Halprin, dem britischen Choreografen Michael Clark, mit dem Otto-Knapp eine enge Freundschaft verband, oder auch dem Erneuerer des Theaters Berthold Brecht. Anhand dieses Referenzsystems reflektiert die Künstlerin markante Innovationen der Tanz-, Theater- und Performancegeschichte als zugleich eigendynamische und in die jüngere Geschichte eingebundene Formen der Gegenwartskunst. Es ist aber nicht nur eine Auseinandersetzung mit der Kunst der performativen Rahmung und Bewegung, sondern ebenso mit den Parametern der Malerei, deren mediale Grenzen Otto-Knapp in ihren schemenhaften (Gegen-)Bildräumen feinstofflich überwindet.

Die international renommierte Künstlerin, die an der Universität Hildesheim zunächst Kulturwissenschaften studierte, bevor sie am Londoner Chelsea College of Art and Design einen MFA erwarb, lehrte einige Jahre als Professorin an der Akademie der bildenden Künste Wien und war seit 2015 an der UCLA in Kalifornien Professorin für Malerei und Zeichnung. Ihre Werke sind unter anderem in den Sammlungen der Tate Modern und des Museum of Modern Art in New York sowie des Art Institute of Chicago enthalten.

Ihre Hamburger Ausstellung offeriert nicht nur einen Erlebnisparcours der über ihre Malerei in Bewegung versetzten Bilder. Es ist auch eine Erkundung der Historie inszenierter Räume und Körper im Spannungsfeld zwischen den Terrains von Kultur und Natur und, nicht zuletzt, eine auf subtiler Ebene mitreißende Hommage an eine Malerin, die ästhetisch neue Wege ging und sich aus jeglicher Enge befreite.