Karla Zipfel: Die Sehnsucht der Mittelschicht

Karla Zipfel
Karla Zipfel, Mein Mikromilieu, 2022, courtesy the artist, © Karla Zipfel, Foto: Karla Zipfel
Porträt
22. Dezember 2023
Text: Klara-Luisa Budau

Regionale 24.
Will I still perform tomorrow?
Kunstverein Freiburg, Dreisamstr. 21, Freiburg.
Mittwoch bis Freitag 15.00 bis 19.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 12.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 7. Januar 2024.
www.kunstvereinfreiburg.de
www.karlazipfel.com
www.regionale.org

Karla Zipfel
Karla Zipfel, Mein Mikromilieu, 2022, courtesy the artist, © Karla Zipfel, Foto: Karla Zipfel
Karla Zipfel, Foto: Kornelius Paede
Karla Zipfel, Foto: Kornelius Paede, 2023

Mit dem Abitur entlässt die privilegierte Mittelstandgesellschaft der Kleinstädte ihre Kinder in eine Vielzahl von Möglichkeiten. Zwischen Erwartungen und Sehnsüchten macht sich eine Generation auf ins ungewisse Erwachsenenleben: behütet und ungewiss, was kommt. Es stehen alle Türen offen, doch welche davon ist am vernünftigsten? Dieser ambivalente Moment kondensiert sich für Karla Zipfel (*1993) in dem Sparkassenordner, den sie selbst zum Abitur in Bad Krozingen überreicht bekam.

Er enthielt mehrere Unterlagen, darunter auch die Darstellung einer Finanz-Pyramide, die sie an die Maslow’sche Bedürfnis-Pyramide erinnerte. Allerdings wurden in diesem Fall die menschlichen Bedürfnisse mit Begriffen wie Liquidität für grundlegende Bedürfnisse, Absicherung der Lebensrisiken, Vermögensaufbau und -optimierung formuliert. Ausgehend von diesem Sparkassen-Ordner setzt sich Karla Zipfel damit auseinander, „wie Anforderungen und Vorstellungen, wie man im Leben performt und seinen Lebensweg gestaltet, nicht nur direkt vermittelt werden durch die Familie, sondern auch über Objekte und alle möglichen gestalteten Produkte, die sich um uns herum befinden und so einen Auftrag an einen jungen Menschen formulieren können“.

Die Künstlerin reflektiert in ihrer Arbeit „Mein Mikromilieu“ über die mit dieser Pyramide verbundenen finanziellen Entscheidungen und den Druck, den sie und viele andere in ihrer Lebensphase verspürten. Dabei wird neben dem persönlichen Druck auch gesellschaftliche Erwartungen an junge Menschen thematisiert. Ein Kunststudium zum Beispiel findet in dieser Verwertungs- und Absicherungslogik keinen Platz.

In einer Ära, in der künstlerische Themen oft zu Extremen neigen, stellte sie sich die Frage: „Was ist mit all dem dazwischen?“ Diese Überlegung führte sie zu ihren Themen. Karla Zipfel betrachtet Kunst als ein Mittel, das eine gewisse Ambiguitätstoleranz erfordert, und was könnte ambivalenter sein als die Mittelschicht? Mit Vorliebe setzt sie sich mit Ästhetiken auseinander, die sie in ihrer Umgebung wahrnimmt. Im vergangenen Sommer schloss sie ihren Master of Fine Arts in Hamburg ab und steht nun erneut an einem Übergangspunkt, an dem sie reflektieren muss, wie sie ihren weiteren Lebensweg gestalten wird.

Ihr Werk „Mein Mikromilieu“ wird im Rahmen der Regionale 24-Ausstellung im Kunstverein Freiburg unter dem Ausstellungstitel „Will I still perform tomorrow?“ gezeigt. Karla Zipfel betont, dass die Arbeit keine spezifische Zukunftsvision zeigt, sondern vielmehr den Zwiespalt zwischen Konformität und Individualität reflektiert. Sie erklärt: „Man weiß nie, was die Zukunft bringt, und alles, was uns gelehrt wird, schöpft aus der Vergangenheit. Aber niemand, auch keine Lehrkraft, weiß wirklich, für welche Zukunft sie uns eigentlich ausbildet“. „Mein Mikromilieu“ besteht aus einer Rekonstruktion des erwähnten Ordners mit der markanten Finanz-Pyramide, die Karla Zipfel in einem Acrylglasrahmen präsentiert. Die Rahmen erinnern an transparente Folien, wurden jedoch skulptural modifiziert, um eine T-Form zu bilden und diese auf Holzstelen zu stellen. Diese Stelen wiederum nehmen Bezug auf Möbel aus Furnier, die in ihrer Kindheit präsent waren und stilistisch auf die Zeit um 2010 verweisen.

Das Rot des Sparkassen-Designs nutzt Karla Zipfel als zentrales visuelles Element, um einen Branding-Moment zu schaffen, ähnlich wie es in der Werbung üblich ist. Sie bringt außerdem ihr Werk durch bildhauerische Displays in den Raum, wodurch sie die üblicherweise private Archivierung auf Transparenzfolien in eine öffentliche Infokasten-Präsentation umwandelt. Dieses künstlerische Mittel, das auf ihre Ausbildung bei Simon Denny an der HFBK Hamburg verweist, ermöglicht es ihr, auf einzigartige Weise den gewöhnlichen Akt der Archivierung in Frage zu stellen und eine verblüffende Darstellung zu schaffen. Karla Zipfel orientiert sich oft an bereits existierenden Objekten. Die Stelen beispielsweise entsprechen exakt den offiziellen Normen für Beratungstresen. Durch geschicktes Spiel mit den Betrachtern vermittelt Zipfel den Eindruck, dass Gegenstände wie die Transparenzfolien real und käuflich erhältlich wären. Im Kontrast zu diesen präzisen gefertigten Objekten steht der collagenhafte, DIY-artige Inhalt der Folien: Improvisierte Skizzen, Farbspritzer, Handabdrücke und Überschriften in Schönschrift. Der Betrachter wird dabei in die Schulzeit zurückversetzt.

Zusätzlich integriert Karla Zipfel in ihre Arbeit Collagenfragmente von Sinusmilieus, einem System aus der Marktforschung, das die Gesellschaft in Milieus einteilt. Diese Milieus werden durch Werbung angesprochen und tragen dazu bei, gesellschaftliche Schichten zu reproduzieren.

Die Sparkasse fungiert für Zipfel als eine Metapher für die soziale Mitte. Einerseits bürgt die Sparkasse für die Künstlerin für einen Wiedererkennungswert und einen damit verbunden Vertrautheitsmoment, den jeder erfassen kann, da die Sparkasse und ihr Design deutschlandweit vertreten ist. Gleichzeitig symbolisiert die Bank in regionaler Trägerschaft den Zwiespalt zwischen Macht und Wohltätigkeit, Kapitalismus und Gemeinwohl. Zusätzlich befinden sich die Sparkassen-Filialen auf dem Rückzug was für Zipfel eine weitere Verbindung herstellt zur „heilen Mittelklassen-Welt, welche am Wanken ist“. Die Künstlerin betont die Widersprüche und Herausforderungen, die in der Vorstellung der gesellschaftlichen Mitte liegen. Die Arbeit mit Artefakten des Alltags, wie dem Sparkassen-Finanzordner, ermöglicht es ihr, soziale Normen sichtbar zu machen und die damit verbundenen Erzählungen zu erfassen.

Dabei fokussiert sie sich nicht ausschließlich auf Bad Krozingen, sondern betrachtet es vielmehr exemplarisch für andere Orte an der Grenze zwischen Dorf und städtischem Raum. Sie nutzt ein selbst angelegtes Fotoarchiv, bestehend aus Handyfotos und Pressematerial aus Bad Krozingen, als kreatives Material für ihre Arbeit. Dieser einzigartige Katalog dient ihr als wiederkehrende Inspirationsquelle und ermöglicht ihr, sich methodisch auf bestimmte Details zu beschränken. Die Entscheidung, von konkreten Elementen auszugehen, um allgemeinere Muster zu vermitteln, hat sich als charakteristische künstlerische Methodik herauskristallisiert.

Es ist eine Mischung aus „Uniformität und Einzigartigkeit“, die Zipfel sowohl in Eigenheimen als auch in Bad Krozingen entdeckt. Insofern die Identität des Ortes stark vom wirtschaftlichen Aufschwung geformt wurde und von der Umwandlung des bäuerlich geprägten Dorfes zur Freiburger Suburbia und zur selbst ernannten Gesundheitsstadt. Die Mittelstandsgesellschaft zwischen „Wohlstand und der Angst vor seinem Verlust, zwischen einer gewissen Piefigkeit und aufrichtigem Wohlwollen und ihrer Blindheit gegenüber den eigenen Privilegien“ ist hier zu sich selbst gekommen.

Dieser Text entstand im Rahmen der Übung „Kunstkritik: Zeitgenössische Kunst zum Sprechen bringen“ im WS 2023/24 am Kunstgeschichtlichen Institut der Universität Freiburg.