Margaret Raspé, Automatik: Die Frau mit dem Kamerahelm

Margaret Raspé
Margaret Raspé, Alle Tage wieder – let them swing! (Collage), 1974, Filmstills, Courtesy the artist, Galerie Molitor und Deutsche Kinemathek
Review > Karlsruhe > Badischer Kunstverein
21. August 2023
Text: Chris Gerbing

Margaret Raspé: Automatik.
Badischer Kunstverein, Waldstr. 3, Karlsruhe.
Dienstag bis Freitag 11.00 bis 19.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 17. September 2023.
www.badischer-kunstverein.de

Margaret Raspé
Margaret Raspé, Alle Tage wieder – let them swing! (Collage), 1974, Filmstills,Filmstill: Elisabeth Niggemeyer, Courtesy the artist, Galerie Molitor und Deutsche Kinemathek
Margaret Raspé
Margaret Raspé, Alle Tage wieder – let them swing! (Collage), 1974, Filmstills, Filmstill: Elisabeth Niggemeyer, Courtesy the artist, Galerie Molitor und Deutsche Kinemathek
Margaret Raspé
Margaret Raspé, Backe, backe Kuchen, 1973, Filmstill: Herbert Lachmayer, Courtesy the artist, Galerie Molitor und Deutsche Kinemathek
Margaret Raspé
Margaret Raspé, Oh Tod, wie nahrhaft bist du, 1972-73,Filmstill: Elisabeth Niggemeyer, Courtesy the artist, Galerie Molitor und Deutsche Kinemathek

Die 1933 geborene Berliner Künstlerin scheint mit ikonischen Bildern aus der Kunstwelt der 1960er und 1970er Jahre zu spielen: „Semiotics of the Kitchen“ von Martha Rosler, die „Honigpumpe“ von Joseph Beuys klingen an, ein gestisches Triptychon darf ebenso wenig fehlen, wie die serielle Reihung von Wasserkesseln – doch greift wesentlich zu kurz, wer Margaret Raspé in eine dieser Schubladen stecken will. Zu den Informellen passt sie ebenso wenig wie in die feministische Ecke, vielleicht noch am ehesten zu den Aktionskünstlern. Allerdings: Obwohl sie sich bis ins hohe Alter als Frauen- und Umwelt-Aktivistin treu geblieben ist, will sie sich keinesfalls als Feministin verstanden wissen. Vermutlich kannte sie die Filmarbeit von Rosler ebenso wenig wie die Arbeiten von Wolf Vostell, in denen er wie 1963 in „Television Décollage“ den Fernseher einbezog, als sie Anfang der 1970er Jahre – alleinerziehend mit drei Kindern – wieder Kunst schaffen wollte und dabei über den von ihr entwickelten „Kamerahelm“ ihr Lebensthema entdeckte: Die Auseinandersetzung mit den Automatismen, die oft genug unseren Alltag bestimmen, respektive dann, wenn es sich um (unbezahlte) Carearbeit handelt. Von ihren zumeist männlichen Kollegen belächelt, schuf sie ein filmisches Werk, bei dem die Aufmerksamkeit auf den kleinen Nebensächlichkeiten liegt, den unbewussten, und doch immer wiederkehrenden, oft stupiden Tätigkeiten und Handlungen, wie dem Spülen von Geschirr, dem Zubereiten eines Schnitzels oder dem wiederkehrenden Treppensteigen, um zig Haushaltsdinge zu erledigen. In einem Manuskript, das in der Ausstellung mit dem treffenden Titel „Automatik“ gezeigt wird, stellt „G.“ am Ende eines langen Tages die Frage, was sie denn den ganzen Tag gemacht habe. Ihr Protokoll zeigt im Wesentlichen „Treppe runter, Treppe rauf“.

Aktivismus bedeutet auch, mit drastischen Mitteln auf scheinbare Selbstverständlichkeiten hinzuweisen. So steht am Anfang eines Fleischgenusses das Töten eines Tiers – auch darauf hält Raspé den Kamerahelm, der Bilder in extremer Nahsicht liefert. Ein im Wortsinn gewaltiges Bild, das deutlich macht, dass die Banalität des Alltags oft mit Zerstörung einhergeht, aus der wieder Neues, Anderes erwächst. Es ist eine ganz eigene Art des „Frühstücksfernsehens“ (so der Titel einer Arbeit), die Margaret Raspé zelebriert, bei dem Mensch, Natur und Technik eine Einheit eingehen. Bienenwaben überlagern das Fernsehbild, das zwar das aktuelle Programm zeigt – aber wie oft läuft der Fernseher nur nebenher? Allerdings wird ein neues Raster über die Pixelstruktur der Fernsehbilder gelegt.

Raspé setzt ihren Körper früh ein, um auf Umweltverschmutzung hinzuweisen, und steigt dazu beispielsweise in einen Fluss. Das weiße Kleid ist durch dessen Verschmutzung hinterher völlig verdreckt. Dabei zieht sich als Konstante durch ihr Werk, dass es nur fotografische Aufnahmen ihrer Performances gibt, während ihre Filme den Blick auf die Vielfältigkeit der unbezahlten Haushaltsarbeit lenken, auf die hier zu beobachtenden Transformationsprozesse, die Dynamik der Alltagsbewältigung. Die Fotografien gestapelten Geschirrs nennt sie, ebenso wie die Schaumberge im Spülbecken „Sekundenplastiken“. Nach ihren Anweisungen wurde während der Vernissage eine in diese Kategorie passende Plastik geschaffen: Vorher mit Pigment präparierte Stoffbahnen färbten sich durch davor platzierte, sich erhitzende Wasserkessel, denen unter lautem Pfeifen Wasserdampf entwich, sukzessive rot. Die rote Farbe troff die Bahn hinab, sammelte sich am Fuß, franste nach oben aus. Poetischer kann man den Blick auf die Automatismen des Alltags nicht lenken. Zugleich stellt Raspé fortwährend Geschlechterrollen in Frage, thematisiert die Konditionierung des Körpers durch alltägliche Automatismen ebenso wie den ausbeuterischen Umgang des Menschen mit der Natur. Die Ausstellung, die in Kooperation mit dem Haus am Waldsee in Berlin entstand, fokussiert sich auf eine Künstlerin, deren Werke Spiegel- und Zerrbild der Gegenwart sind, die Persönliches und Privates mit den großen, aktuellen Themen der Menschheit verbinden und denen dabei dennoch ein großes Maß an Ästhetik innewohnt.