Yann Stéphane Biscaut

Yann Stéphane Biscaut
Yann Stéphane Biscaut, Whisper from sky, nuit, 2023, aus der Serie: Drift, Courtesy the artist
Porträt
10. Juni 2023
Text: Jürgen Moises

Yann Stéphane Biscaut, Träger des Helvetia Kunstpreises 2023, zu sehen an der Liste Art Fair Basel 2024.

„Plattform 23“ im Espace Arlaud Lausanne.
Place de la Riponne 2B, Lausanne.
Mittwoch bis Freitag 12.00 bis 18.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 25. Juni 2023.

Yann Stéphane Biscaut
Yann Stéphane Biscaut, Nature morte à l’escargophone, 2023, aus der Serie: Drift, Courtesy the artist
Yann Stéphane Biscaut
Yann Stéphane Biscaut, Un arbre à palabres, 2023, aus der Serie: Drift, Courtesy the artist

Wer als Künstler in der Diaspora lebt, hat nicht nur eine, sondern gleich drei Reisen hinter sich. Die erste führt hinaus aus der ursprünglichen Heimat. Die zweite findet im Land der Ankunft statt, wo die Konfrontation mit einem neuen sozialen und kulturellen Raum oft zur „Romantisierung“ des Herkunftslandes führt. Und die dritte? Das ist der zum Scheitern verurteilte Versuch, in die Heimat zurückzukehren. Was nicht geht, weil diese längst zu einer Fantasie geworden ist, in der sich Erinnerung und Träume überlagern. In seiner Serie „Drift“ von 2023 stellt Yann Stéphane Biscaut diese dreifache Reise in Form von drei Gemälden dar. In der Ausstellung „Plattform23“ in der Espace Arlaud in Lausanne sind diese aktuell zu sehen. Im Juni folgt an der Liste Art Fair Basel dann eine Solo-Ausstellung des 1998 in Kamerun geborenen Absolventen des Masterstudiengangs Visual Arts an der HEAD Genève.

Die Soloschau in Basel ist Bestandteil des Helvetia Kunstpreises, den Yann Stéphane Biscaut in diesem Jahr gewonnen hat. Zu dem Förderpreis für junge Kunstschaffende gehört außerdem ein Preisgeld in Höhe von 15.000 Franken. Was der fünfköpfigen Jury an Biscauts Werk gefallen hat? Die „frische und sehr persönliche Perspektive“, die er „auf das klassische Genre der Landschaftsmalerei“ wirft. Und wie er mit diesem doch recht klassischen Medium „hochrelevante gesellschaftspolitische Fragen“ stellt. Was letztere angeht, da ist für den jungen Künstler der karibische Philosoph und Schriftsteller Edouard Glissant ein wichtiger Mentor. Der sprach von einem intermediären und spirituellen Raum, der sich in der Diaspora, zwischen Heimatort und den neuen, geografischen Orten auftut.

Genau diesen versucht Biscaut in seiner künstlerischen Arbeit zu erkunden. Das Ergebnis sind wie in „Drift“ hybride Traumlandschaften, in denen sich verschiedene Orte, Zeiten und Erfahrungen überlagern. So sieht man im Gemälde „Un arbre à palabres“ bedrohliche Gewitterwolken, unter denen Albatrosse ihre Bahnen ziehen. In der anderen Bildhälfte ist der Himmel blau und es gibt weiße Wolken, aus denen seltsame Fantasiefiguren purzeln. Auf dem Ölbild „Nature morte à l’escargophone“ ist eine Art Schneckentelefon dargestellt. Die Stimmung wirkt melancholisch. Geht es um den Versuch, mit der verlorenen Heimat irgendwie Kontakt zu halten? Was an beiden Bildern ebenfalls auffällt, das ist der sympathische, mehrdeutige Sprachwitz im Titel. Und dann ist da noch die texturelle, optische Besonderheit, dass die Leinwände teilweise gepolstert sind. Das heißt: Sie haben tatsächliche Rundungen, welche die rein optischen Rundungen und damit den Tiefeneindruck der Bilder verstärken. 

Auch auf anderen Gemälden von Biscaut wie etwa „Un instant, à l’unisson“ (2022) geht es recht traumhaft zu. Darauf sieht man eine Frau mit roten Haaren. Auf ihrer Schulter trägt sie eine Art zweites Gesicht. Im Hintergrund: eine Landschaft, sich auftürmende Wolken und ein Berg. Auf „La galerie de photos souvenirs“ (2022) sieht man drei Stühle mit Gesichtern um einen Tisch und vor einer Landschaft mit Wasserfällen und Vögeln stehen. Der Shy Guy auf dem gleichnamigen Bild aus diesem Jahr stammt aus dem Super-Mario-Videospiel-Universum. Auch er befindet sich in einer Landschaft. Er blickt auf einen Bach, der aber eher wie ein Himmel aussieht. Dieser „Shy Guy“ ist ein Beispiel dafür, wie bei Biscaut alte und neue Welt, alte und neue Mythen verschmelzen. Zu einer neuen, so noch nicht gesehenen Welt.