Jimmy Robert: All dressed up and nowhere to go. Raum und Körper

Jimmy Robert, Imitation of Lives, 2017, Performancestill, The Glass House, Connecticut, Foto: Lucy McKe, © Jimmy Robert, Courtesy Stigter Van Doesburg & Tanya Leighton Gallery
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21. Dezember 2022
Text: Dietrich Roeschmann

Jimmy Robert: All dressed up and nowhere to go.

Staatliche Kunsthalle Baden-Baden, Lichtentaler Allee 8a, Baden-Baden.
Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 15. Januar 2023.

www.kunsthalle-baden-baden.de

Jimmy Robert
Jimmy Robert, Hanging 2, 2010, © Jimmy Robert, Courtesy Stigter Van Doesburg & Tanya Leighton Gallery

Die Soloschau von Jimmy Robert (*1975) in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden eröffnet mit der Begegnung des Publikums mit sich selbst zwischen zwei riesigen Spiegelwänden. Diese körperliche Selbstreflexion ist nicht ohne Grund. Jimmy Robert geht es in seiner künstlerischen Arbeit um die Bedeutung von Bewegung im Raum und darum, welche Bilder sie hervorbringt – nicht nur im physischen, sondern auch im kulturellen, sozialen und politischen Raum, in der Pop- und Queer-Culture. In Baden-Baden dient ihm der neoklassizistische Bau der Kunsthalle so gleichermaßen als Bühne und als Gegenstand einer durch die Säle mäandernden Auseinandersetzung mit der Definitionsmacht des Raumes über den Körper, mit Fragen der Zugehörigkeit und des Ausschlusses, aber auch mit den Möglichkeiten, diese Macht zu unterlaufen oder sie zu okkupieren. Davon erzählen etwa die Fotografien der Serie „All dressed up and nowhere to go“. In weißem Dress, irgendwo zwischen antiker Robe und belgischer Haute Couture, schmiegt der in Guadeloupe geborene und derzeit in Berlin lebende Performance- Film- und Fotokünstler seinen Körper an die Marmortreppen, Brüstungen und Podeste des Museumsbaus. Man könnte es als einen Akt der tänzerischen Aneignung beschreiben, in dem Robert hier mit der repräsentativen Architektur verschmilzt. In anderen Arbeiten thematisiert Jimmy Robert den Körper als Träger von Sprache und lässt sich von Gedichten der afroamerikanischen Lyrikerin Audre Lorde inspirieren, von Romanen Marguerite Duras’ oder den wegweisenden Performances von Yvonne Rainer. Deren berühmtem „Trio A“ von 1965, das von Generationen von Tanzenden und Kunstschaffenden immer wieder neu interpretiert wurde, widmet er in Baden-Baden eine beiläufig an die Wand gelehnte Textarbeit, die Bewegung erst im Kopf entstehen lässt.

Zu den eindringlichsten Arbeiten dieser Schau gehört die Videoarbeit „Imitation of Lives“, die eine Performance von 2017 im legendären „Glass House“ von Philipp Johnson dokumentiert. Für Jimmy Robert repräsentiert diese Architekturikone nicht zufällig die Zwiespältigkeit von Transparenz. Die radikal offene Architektur setzt den Körper beständig den Blicken von außen aus, während dieser sich zugleich in jeder seiner Bewegungen in den Scheiben spiegelt. Gleiches gilt umgekehrt. Zusammen mit der Performerin NIC Kay und dem Tänzer Quenton Struckey vermisst Jimmy Robert hier in einer rund einstündigen Choreografie die schmale Grenze zwischen Durchlässigkeit und Reflexion, Sichtbarkeit und Zuschreibung.