Ishita Chakraborty

Ishita Chakraborty
Ishita Chakraborty, Whispering Benches, 2022, Installationsansicht, courtesy the artist
Porträt
24. November 2022
Text: Annette Hoffmann

Ishita Chakroborty: Exotische Pflanzen im Garten – was tun?
Im Rahmen der Auswahl 22, Aargauer Kunsthaus, Aargauerplatz, Aarau.
Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.
3. Dezember 2022 bis 2. Januar 2023.
www.aargauerkunsthaus.ch
www.ishitachakraborty.com
www.whisperingbenches.ch

Ishita Chakraborty
Ishita Chakraborty, Mais, aus: Exotische Pflanzen im Garten - was tun?, 2022, courtesy the artist
Ishita Chakraborty
Ishita Chakraborty, Basilikum, aus: Exotische Pflanzen im Garten - was tun?, 2022, courtesy the artist
Ishita Chakraborty
Ishita Chakraborty, Mais, Plakatmotiv zur Auswahl 22, courtesy the artist

Migration ist Ishita Chakrabortys Thema, aber nicht ihr Trauma. 2017 kam Chakraborty (*1989) aus Kolkata mit einem Stipendium in den Kanton Aarau und lernte zu dieser Zeit das Schweizer Kunststudium kennen. Als sie ein Jahr später zurückkehrte, wollte sie in Zürich ihren Abschluss machen, was ihr 2021 an der ZHdK auch gelang. Die Inderin lernte Deutsch, sie jobbte in einer Küche und traf so auf andere Migranten. Auf solche, die in ihrer Heimat nicht unbedingt ein Studium abgeschlossen und als Assistenzprofessorin gearbeitet hatten und Kunst machen wollten. Diese Erfahrung fließt in alle ihre Werke ein. „Meine persönliche Migrationsgeschichte hat meine Kunst massgeblich geprägt. Identität und Sprache sind zwei Hauptpfeiler meiner künstlerischen Arbeit“, sagt sie in einem Porträt der ZHdK. Kolonialisierung, Klimaflucht, Vertreibung sind Themenfelder, denen sie eine Form und in ihren Gedichten eine Sprache gibt.

Mit ihrer Überzeugung, dass Kunst für alle sei, rennt sie derzeit offene Türen ein. Bei der Auswahl 21 im Aargauer Kunsthaus wurde sie mit dem Förderpreis der Credit Suisse ausgezeichnet und auch die Kunsthausjury sprach ihr den Preis zu, so dass sie bei der diesjährigen Jahresschau mit einer größeren Präsentation erneut dabei ist. Zu sehen war vor einem Jahr ihre Installation „Europa“ mit hundert Pilzen aus unglasiertem Ton – mittlerweile sind in diversen Workshops einige mehr entstanden. Die verschiedenen Erdtöne entsprachen den menschlichen Hautfarben. Ishita Chakraborty hatte die kleinen Pilze zu Gruppen angeordnet oder sie farblich durchmischt. Sie bilden ein sozusagen natürliches Ökosystem mit zahllosen Verflechtungen. Inspiriert wurde sie dabei von Anna Tsings Buch „Der Pilz am Ende der Welt“. Die amerikanische Anthropologin verbindet in ihrer erfolgreichen Publikation Biologie und Kulturgeschichte.

Chakraborty jedenfalls zeigte ihre Installation nicht nur auf der diesjährigen Ausgabe der Kunstmesse Volta in Basel und in Zürich, ihr gelingt auch etwas, das in diesem Jahr auch an der documenta fifteen Thema war: Sie knüpft leichthändig Kollaborationen, so lädt sie zu Workshops ein, während derer die Pilze getöpfert werden, bei denen aber auch viel erzählt und gemeinsam gegessen wird. Auch aus unglasiertem Ton besteht das Stück Stacheldraht „Resistance“, das für sie ein Sinnbild des unmenschlichen Umgangs mit Geflüchteten ist. Ihr Projekt „Whispering Benches“, das sie in diesem Sommer an ihrem Wohnort Möriken-Wildegg, in Baden und Langnau realisierte, knüpft hier an. So lud sie Passanten dazu ein, sich auf einfach geschreinerten Holzbänken im Stadtraum niederzulassen und sich über die kleinen Lautsprecher die Geschichten der Migranten anzuhören oder sie sich über einen QR-Code herunterladen.

Diese Erzählungen schärfen den Blick für jene, die oft unsichtbar bleiben, in unterprivilegierten Jobs arbeiten und denen zu wenige zutrauen, etwas Interessantes zu berichten zu haben. Dass Chakraborty dieses Projekt nicht in den eigentlichen Kunstzentren, sondern eher in der Peripherie verwirklichte, hat eben auch damit etwas zu tun, dass es ihr weniger um die eigene Sichtbarkeit geht. Vielleicht sogar damit, dass sie in Indien erst Grafik studierte. Nie geht es in ihren Arbeiten ausschließlich um Ästhetik. Und vielleicht taugt das Myzel des Pilzes sogar als Gesellschaftsmodell jenseits von Klassen und Nationalitäten. Es sind Fäden, die Informationen verbreiten. Alles bildet eine untrennbare Gemeinschaft: Tiere, Pflanzen, Insekten, das Wasser, Menschen, Geister und die Stimmen. Für Chakraborty gehören Flüsse zu ihren Kindheitserinnerungen. Sie halten das Leben in Fluss, ermöglichen Handel und verbinden Menschen. An der Aare hat sie diese Erfahrungen aufgefrischt.