Christian Jankowski, I was told to go with the flow: der Kunstwelt den Spiegel vorhalten

Christian Jankowski
Christian Jankowski, Heavy Weight History (Ludwig Waryñski), 2013, Courtesy the artist, © Christian Jankowski
Review > Tübingen > Kunsthalle Tübingen
11. Oktober 2022
Text: Jolanda Bozzetti

Christian Jankowski: I WAS TOLD TO GO WITH THE FLOW.
Kunsthalle Tübingen, Philosophenweg 76, Tübingen.
Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 19.00 Uhr.
Bis 30. Oktober 2022.
www.kunsthalle-tuebingen.de

Christian Jankowski
Christian Jankowski, Travelling Artist, 2018, Courtesy the artist, © Christian Jankowski
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Christian Jankowski, Die Jagd, 1992, Courtesy the artist, © Christian Jankowski
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Christian Jankowski, What People do for Money, 2016, Courtesy the artist, © Christian Jankowski

Christian Jankowski (*1968) für eine Ausstellung einzuladen, kann riskant sein. 1998 etwa wurde der damalige Leiter des Kunstverein in Hamburg kurzerhand in einen Pudel verwandelt und agierte drei Tage lang als „Direktor Pudel“. Zehn Jahre später stellte Jankowski die gesamte Belegschaft des Kunstmuseum Stuttgart mit seiner Aktion „Dienstbesprechung“ durch einen generellen Rollentausch auf die Probe und damit zugleich den gesamten Kunstbetrieb in Frage. Das Team der Kunsthalle Tübingen scheint Glück gehabt zu haben: es musste lediglich einen Stocherkahn samt Transportkisten in das Museumsgebäude hieven. Diesmal hat sich Jankowski als reisender Künstler inszeniert, der über den Neckar seine Werke selbst anliefert. Das Motto „Go with the Flow“ hat er wörtlich genommen, er folgte dem Strom des Flusses, ganz nach Tübinger Art auf einem Stocherkahn. Auf den Transportkisten, die in der Ausstellung auf dem Boot gestapelt stehen, ist eine ganze Reihe Lebensweisheiten und Selbstoptimierungsslogans zu lesen: „Manipulieren – aber richtig“, „Was Sie bis hierhin gebracht hat, wird Sie nicht weiterbringen“, oder auch: „Glück. Was ist das? Versuch, etwas zu beschreiben, was jeder haben will“. Alle Titel stammen von Ratgebern, in der jeweilig originalen Grafik an die Kisten angebracht. Jankowski ist bekannt dafür, mit seinen subversiv-ironischen Arbeiten der Gesellschaft und der Kunstwelt den Spiegel vorzuhalten. Die Überblicksschau in Tübingen zeigt einen Querschnitt durch sein vielfältiges Werk, wobei das Reisen und Unterwegssein als Bindeglied der verschiedenen Arbeiten fungiert.

Bereits als Kind hat Jankowski viele Länder gesehen: alte Super-8-Aufnahmen dokumentieren die ausgedehnten Reisen mit Eltern und dem Bruder im gelben Opel Kadett quer durch Europa, Nordafrika und die Ost-Türkei. „Traveling Artist“ ist auch der Titel einer Arbeit von 2018: In Japan ließ sich Jankowski, fasziniert von der dortigen Bondage-Tradition, von einer Meisterin der japanischen Kinbaku-Fesselkunst in ihrem Nachtclub als ausnahmsweise männliche Attraktion einschnüren. In der Ausstellung sind vier großformatige Fotos des in Unterhose, Krawatte und Anzugjacke samt Reisegepäck verschnürten und von der Decke hängenden Künstlers zu sehen. Daneben frei im Raum wie eine Art Mobile schwebend Koffer, Bücher und Zahnpastatube – Relikte des modernen Nomaden-Lebens. Ein anderer Weg, die Schwerkraft auszuhebeln, ist in der Fotoserie „Heavy Weight History“ zu sehen: 2013 im Vorfeld der Weltmeisterschaften im Gewichtheben in Polen entstanden, zeigt sie zehn Olympioniken beim Versuch, auf Anweisung des Künstlers Denkmäler auf öffentlichen Plätzen in Warschau anzuheben, darunter etwa das Denkmal zum Kniefall Willy Brandts. Es sind durchaus komische Bilder, die hier ganz physisch das Gewicht von Geschichte und Erinnerung inszenieren.

Jankowski arbeitet meist auf Einladung und entwickelt seine Arbeiten für den jeweils spezifischen Kontext, gemeinsam mit anderen. Kunst ist bei Jankowski ein stetiges Experiment, das Spiel Strategie. An der Schaubühne Berlin entwickelte er für die Spielzeitkampagne 2018/19 die Arbeit „We Are Innocent When We Sleep“. Dafür ließ er die Schauspieler:innen des Ensembles sich gegenseitig im Schlaf inszenieren und mit allerlei Requisiten, Bemalungen und Besudelungen in wundervoll skurrilen Situationen arrangieren. Ein begleitendes Video dokumentiert die Porträtierten beim Aufwachen.

Die Tübinger Ausstellung gestaltet sich selbst als eine Reise durch das Werk Jankowskis, ohne dabei einer strengen Chronologie zu folgen. So ist etwa neben der legendären Arbeit „Die Jagd“, die den Künstler als jungen Studenten 1992 mit Pfeil und Bogen im Supermarkt zeigt, auch die Videoarbeit „Casting Jesus“ von 2011 zu sehen: Jankowski brachte Mitarbeiter des Vatikans dazu, eine Casting Show zu inszenieren, um den passendsten Jesus-Darsteller zu finden. Der auserwählte Robin Mugnaini wurde dann gleich für die nächste Arbeit in Mexiko engagiert.