Manon de Boer, Che bella voce: Der fruchtbare Moment

Manon de Boer, Ghost
Manon de Boer, Ghost Party (Teil 2), 2022, mit Latifa Laâbissi, Courtesy Manon de Boer, Latifa Laâbissi & Jan Mot, Foto: Stefan Rohner
Review > St. Gallen > Kunstmuseum St. Gallen
9. September 2022
Text: Annette Hoffmann

Manon de Boer: Che bella voce.
Kunstmuseum St. Gallen, Museumstr. 32, St. Gallen.
Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 9. Oktober 2022.
wwwkunstmuseumsg.ch

Manon de Boer, From something
Manon de Boer, Caco, João, Mava and Rebecca. From nothing to something to something else (Teil 2), 2019, Courtesy the artist & Jan Mot, Foto: Stefan Rohner
Manon de Boer, Pause
Manon de Boer, A Pause, 2022 (l.), Courtesy the artist & Jan Mot, Foto: Stefan Rohner

„Faith“ steht in Schreibschrift Frame für Frame auf dem 16mm-Filmmaterial, das im Kunstmuseum St. Gallen zu einer Schlaufe verbunden an der Wand hängt. Wie Manon de Boer mit dem Medium Film umgeht, setzt dessen Logik außer Kraft. Ein Film folgt einer linearen Struktur, selbst dann, wenn er zu einem Loop gefügt ist. De Boer (*1966), der das Kunstmuseum St. Gallen mit „Che bella voce“ eine Einzelausstellung widmet, friert die Folge von bewegten Bildern auf ein einziges ein und dies vertraut nicht einmal auf die Kraft des Visuellen. Denn „Faith“ ist ja beides: Bild und Ton. Im Werk der belgischen Künstlerin gibt es immer wieder Momente, in denen sie über das Wesen des Films reflektiert, über sein Verhältnis zu Zeit, Ausdehnung und Erinnerung. Doch am deutlichsten wird es bei jenen Arbeiten, in denen sie den Film als Material für Installationen nimmt. In „A Pause“ entspricht die Wellenbewegung des Zelluloids dem Atemrhythmus der Künstlerin. Mit circa 35 Sekunden ist die Dauer der Sequenz angegeben, die an der Wand hängt, als sei das menschliche Auge Projektor genug. Hier ist sie wieder die Stimme, die den Atem als eine Grundvoraussetzung braucht.

Ein schroffer Felsen mit Moos bewachsen im Wasser, über das Regen zieht, eine Möwe fliegt durchs Bild. Dann spricht eine Frau. Die Aufnahmen von der norwegischen Küste werden in „An Experiment in Leisure“ durch solche von Büros, Bibliotheken und Probenräume abgelöst. Jemand erzählt, wie in künstlerischen Prozessen Veränderungen in repetitive Abläufe eingebaut werden können und wie es von hier aus weitergehen kann. Später wird darüber gesprochen, sich Erinnerungen bewusst zu werden. Manon de Boer arbeitet oft mit anderen Künstlerinnen und Künstlern zusammen, etwa mit der Tänzerin und Choreografin Latifa Laâbissi, deren Stimme hier auch zu hören ist. Diese Offenheit spiegelt sich in ihrer Ausstellung, indem Manon de Boer etwa Arbeiten von Sophie Taeuber-Arp oder Oskar Schlemmer aus der Sammlung in „Che bella voce“ einbezieht. In „An Experiment in Leisure“ greift sie die Schriften der Psychoanalytikerin Marion Milner auf und nimmt sie als Plädoyer für die Muße als Bedingung für die Kunst. Bereits der Titel „Caco, João, Mava und Rebecca. From nothing to something to something else“ beschreibt den Prozess, wenn aus der Präsenz der Körper in einem Probenraum Tanz entsteht. Der Betrachter sieht den Jugendlichen beim Improvisieren zu, wie sie die Füße erst nebeneinander, dann über Kreuz stellen und das Gewicht verlagern. Ein Moment reiht sich an den nächsten.

Zeit spielt auch im Film „Attica“ eine Rolle, den sie 2008 auf 16mm gedreht und dann digitalisiert hat. „Attica“ heißt das Stück von Frederic Rzewski, der sich wiederum auf das gleichnamige US-Sicherheitsgefängnis bezieht. Er komponierte es ein Jahr nach dem Aufstand von 1971, bei dem es zu Geiselnahmen und mehr als 40 Toten bei der Erstürmung durch die Polizei kam. „Attica is in front of me“ singt einmal einer der Musiker, während die Kamera von links nach rechts wandert. Der Satz stammt von Richard X. Clark, der ihn bei der Entlassung sagte. Dass man Dinge nicht zurücklassen kann, dass sie sich in der Erinnerung verändern und uns noch immer beschäftigen, klingt oft in den Arbeiten von de Boer an, formal wird er in „Attica“ durch die zyklische Struktur aufgegriffen, die einerseits die Komposition, andererseits den Film bestimmt. Manon de Boer lässt ihre Protagonisten erzählen, von Begegnungen mit Vertretern ihrer Zeit, von der brasilianischen Militärdiktatur und ihrem Terror, von einschneidenden persönlichen Begegnungen. Manchmal kondensiert sich all dies wie in „Sylvia, March 1 and March 2, 2001, Hollywood Hills“ auf einem Antlitz. Die Schauspielerin und „Emmanuelle“-Darstellerin Sylvia Kristel wird von der Kamera eingefangen, wie sie sich eine Zigarette anzündet, aus dem Bild geht und sich umdreht, und wir sie noch einmal zu Gesicht bekommen.