Moved by Schlemmer. 100 Jahre Triadisches Ballett: Der Linie nach

Moved by Schlemmer
Oskar Schlemmer, Das Triadische Ballett, 1922, Staatsgalerie Stuttgart, © Oliver König
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5. September 2022
Text: Jürgen Kanold

Moved by Schlemmer. 100 Jahre Triadisches Ballett.
Staatsgalerie Stuttgart, Konrad-Adenauer-Str. 30-32, Stuttgart.
Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 9. Oktober 2022.
www.staatsgalerie.de

Moved by Schlemmer, Kalin Lindena
Kalin Lindena, ohne Titel (Bühne), 2014, Detail, Courtesy the artist & Galerie Nagel-Draxler, Berlin, Köln und München, Foto: Staatsgalerie Stuttgart
Moved by Schlemmer, Haegue Yang
Haegue Yang, Sonic Gate – Law of Nine, Teil von: Handles, 2019, Courtesy the artist & Galerie Barbara Wien, Berlin, Foto: Staatsgalerie Stuttgart
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Oskar Schlemmer, Figurine „Tänzer, türkisch“, 1922, Staatsgalerie Stuttgart, Foto: Staatsgalerie Stuttgart

Farbige Linien auf dem Boden empfangen die Reisenden im Stuttgarter Hauptbahnhof, mühsame Wege weisend. Wer die neue, gefühlt kilometerlange Umleitungskurve über die Großbaustelle nach draußen gegangen ist und dann auch die achtspurige Stadtautobahn tapfer überwunden hat, trifft vor der Staatsgalerie wieder auf Linien-Markierungen. Wer denen folgt, könnte diesmal ins Tanzen kommen. Und das ist Absicht. Denn Kalin Lindena (*1977) will uns in lässige Bewegung versetzen. Sie ist eine von drei Künstlerinnen, die sich in der Ausstellung „Moved by Schlemmer“ mit dem 1922, also vor 100 Jahren in Stuttgart uraufgeführten „Triadischen Ballett“ auseinandersetzen. Ein kunsthistorisches Datum, zeitgenössisch reflektiert.

Pirouetten im Draht-Tutu, stoische Scheibentänzer, aufziehbare Hampelmänner – es ist Kunst, aber es sind Gewänder für eine Performance aus einer Zeit, als man diesen Begriff noch nicht richtig kannte. Es sind Figurinen, die sich in dieser Ausstellung drehen, ein wunderbares Ensemble, ein besonderer Schatz der Staatsgalerie, aber es waren auch immer Kostüme für die Bühne: Oskar Schlemmers „Triadisches Ballett“ zählt gleichermaßen zu den Mythen der Kunst- wie der Ballettgeschichte. Der in Stuttgart geborene Schlemmer (1888-1943) war nicht nur Maler und Plastiker der Klassischen Moderne, sondern auch Choreograf und Regisseur; am Bauhaus leitete er unter anderem die Bühnenwerkstatt. Schon 1915 hatte er begonnen, seinen „überzeitlichen Menschentypus“ zu entwickeln, die archaische Plastik vermaß er mit mathematischen Prinzipien. Er entwarf das Bild einer aus geometrischen Formen wie Quader, Kreis, Zylinder, Dreieck, Kugel bestehenden Kunstfigur, und diese sollte in den starren, den Körper zu marionettenhafter Bewegung zwingenden Kostümen „raumplastische Gestalt“ annehmen. Mit dem „Triadischen Ballett“ entstand ein Reigen solcher Kostümgebilde aus metallischen Konstruktionen, wattierten Stoffteilen, kaschierten Formen. Der Name „triadisch“ ist abgeleitet vom griechischen Wort für „Dreiheit“, entsprechend dreiteilig gliedert sich Schlemmers Ballett: in eine „heiter-burleske“ gelbe Reihe von Tänzen, eine „festlich-getragene“ in Rosa und in eine „mystisch-fantastische“ schwarze Reihe. Das Organische und das Künstliche hat Schlemmer auf der Bühne verquickt, er war fasziniert von der Technik, vom Zeitalter der Mechanisierung. Schlemmer antizipierte geradezu den modernen Roboter.

„Moved by Schlemmer“ informiert nicht nur über die Entstehungsgeschichte, die Ausstellung zeigt auch den Einfluss des „Triadischen Balletts“ auf die Mode, auf die Popkultur: Karl Lagerfeld etwa inszenierte für „Vogue“ eine Fotostrecke mit dem Model Karen Elson in Repliken der Figurinen. David Bowie trat als Ziggy Stardust in einem Jampsuit von Kansai Yamamoto auf – auch das eine Schlemmer-Hommage. Und es reagieren drei Künstlerinnen, alle in den 1970er Jahren geboren, aktuell auf das „Triadische Ballett“: Die Installation von Ulla von Brandenburg (*1974) heißt „Maskiert und vor allem – verschwiegen“. Zwei mit gelben Stoffbahnen ausgekleidete Räume, mit Schatten menschlicher Figuren an den Wänden; geometrische Objekte, Kostüme, ein Film mit Tanzenden. Eine Theaterszenerie, beschwörend die „heiter-burleske“ Stimmung des Originals. Kalin Lindena setzt, wie gesagt, auf die Linie, auch auf filigrane Metallskulpturen – und sie zeigt einen „Gehtanz“ im Film. „Handles“ heißt die Installation der Koreanerin Haegue Yang (*1971), die Schlemmers Vorbildern am nächsten kommt: sechs wundersame Bühnenskulpturen mit einem Schellen-Mantel, die in Performances bewegt werden können – es ist im schwarzen Raum das „mystisch-fantastische“ Finale. Dazu Vogelgezwitscher – aufgenommen 2018 in der demilitarisierten Zone zwischen Nord- und Südkorea, als die Politiker verhandelten und nur die pure Natur zu hören war. Absolute Kunst – konfrontiert mit der Realität. Und draußen vor der Staatsgalerie dann vielleicht noch ein Linien-Tänzchen neben dem lauten Straßenverkehr.