Monica Ursina Jäger, Shared Horizon: Von den Wäldern lernen

Monica Ursina Jäger
Monica Ursina Jäger, Shifting Topographies, 2019, © Monica Ursina Jäger
Review > Bern > Die Mobiliar
15. Juli 2022

Kunst & Nachhaltigkeit Vol. 15 – Monica Ursina Jäger: Shared Horizon.
Mobiliar, Bundesgasse 35, Bern.
Montag bis Freitag 7.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 26. August 2022.
www.mobiliar.ch

Monica Ursina Jäger: Liquid Time.
Museum zu Allerheiligen, Klosterstr. 16, Schaffhausen.
Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 30. Oktober.
www.allerheiligen.ch

Monica Ursina Jäger
Monica Ursina Jäger, Accumulations (Observations on mineralized ideas and petrified words), 2017, © Monica Ursina Jäger
Monica Ursina Jäger
Monica Ursina Jäger, Rete Mirabile, 2020, Filmstill, © Monica Ursina Jäger

Rete Mirabile, Wundernetz, klingt so gar nicht nach naturwissenschaftlicher Nomenklatur. Eher nach Kapitulation, als könnte man das, was diese Wundernetze schaffen, nicht einmal ordentlich benennen. Es sind tatsächlich komplexe Zusammenhänge: Verzweigungen der Arterien in feinste Arterien, die wieder zu Arterien werden. Fische füllen so ihre Schwimmblase und manchen Arten erlaubt dieser Gegenstrom-Wärmeausgleich die Regulierung der Temperatur. Der Begriff wirkt wie ein Trojanisches Pferd, das das Wunderbare einschmuggelt, wo ansonsten Rationalität herrscht. Monica Ursina Jäger (*1974) zeigt ihr gleichnamiges Video derzeit in der Reihe Kunst und Nachhaltigkeit der Mobiliar in Bern. In ihrer Kunst praktiziert sie unentwegt eine solche Synthese verschiedener Welten. Seit sechs Jahren arbeitet die Künstlerin, die am Goldsmiths, University of London, studiert hat, am Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. „Rete Mirabile (counter-current)“ nimmt die Gegenläufigkeit der Wundernetze auf. Die Objekte, die auf einer Wasseroberfläche treiben oder in einem Raum zu schweben scheinen, schwimmen mal nach links, mal nach rechts. Die Blätter und Samenstände wirken wie fremdartige Insekten oder wie Köder. Dass sie an einer Achse gespiegelt sind, trägt viel dazu bei, dass man sich im Bild nicht orientieren kann. Zusammen mit dem Sound entsteht eine Art Trancezustand.

Wie ein Denken in Netzwerken aussehen könnte, veranschaulicht Monica Ursina Jägers Video „Forest Tales and Emerald Fictions“ noch deutlicher. Es entstand 2018 während eines Aufenthalts am Centre for Contemporary Art in Singapur. Interviews mit ihrer Stiefmutter, die von Kindheitserinnerungen an traditionelle Dörfer im Urwald, den Kampongs, und von animistischen Erfahrungen erzählt, Schriften des Naturforschers Alfred Russel Wallace und Architekturbetrachtungen sind in den Text des Erzählers eingeflossen, der Anthropologe, Poet und Biologe ist. Den Wald beschreibt er als einen Geisteszustand. Das komplexe Ökosystem des Waldes mit seinen verschiedenen Stockwerken wird zur Blaupause der Hochhausarchitektur in den Städten. Deren horizontale und vertikale Strukturen ziehen als Stahlträger und Wände aus Glasbausteinen in den Wald ein. Analog zum Kreislauf der Natur ist die Zeitstruktur zyklisch. Zukunft und Vergangenheit berühren sich: die Wiederkehr des Gleichen, heißt es einmal im Video. Auch die Städte werden sich selbst verdauen so wie es die Wälder seit Ewigkeiten tun. Das verleiht Jägers Bildern etwas Tröstliches, nimmt ihnen aber auch etwas von ihrer Dringlichkeit.

Monica Ursina Jäger beklagt in ihrer Kunst nicht den Klimawandel. Der Mensch hat sich schon so konsequent um seine Zukunft gebracht, dass er abgesehen von der Erzählerstimme und der Architektur nicht anwesend ist. Das Anthropzän ist hier schon lange Wirklichkeit. Jägers Collagen „Event Horizons“ führen die Analogien zwischen Sedimentgestein und Architektur vor. Dafür schichtet sie Fotos von Baumpilzen, verschiedenen Gesteinen, schmutzigblauen Gletschern und Hochhausfassaden mit Reihen von Fens­tern über- und untereinander als hätten hier geologische Kräfte gewirkt. Ihre großformatigen Zeichnungen zeigen eine Gleichzeitigkeit von Verfall und Entstehen. Mächtige Straßenschneisen ziehen sich durch Landschaften, in die die Zerstörung eingeschrieben ist.

Monica Ursina Jäger erweitert die Wirklichkeit durch die Collage. Bei einer ihrer Arbeiten aus der Serie „Shifting Topographies“ hat sie neben die geschwärzten Stämme zweier Bäume Schnitte gesetzt und eine chlorophylgrüne Wolke hindurchgeschoben. Es ist das gleiche Smaragdgrün, das das Video „Forest Tales and Emerald Fictions“ prägt. Es mag eine Fiktion sein, doch es ist eine sehr geerdete Utopie.