Davor – Darin – Danach. Die Sammlung im Wandel: andere streiten

Davor - Darin - Danach
Installationsansicht Davor · Darin · Danach. Die Sammlung im Wandel, Aargauer Kunsthaus, Aarau, Shirana Shahbazi., Untitled II – 2012, 2012 Aargauer Kunsthaus, Aarau / Schenkung der Freunde der Aargauischen Kunstsammlung; Hannah Villiger, Arbeit (12-teilig), 1980/1981, Aargauer Kunsthaus, Aarau, Foto: Philipp Hitz, Zürich
Review > Aarau > Aargauer Kunsthaus
12. Juni 2022
Text: Gerhard Mack

Davor – Darin – Danach. Die Sammlung im Wandel.
Aargauer Kunsthaus, Aargauerplatz, Aarau.
Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 7. August 2022.
www.aargauerkunsthaus.ch

Davor - Darin - Danach
Installationsansicht Davor · Darin · Danach. Die Sammlung im Wandel, Aargauer Kunsthaus, Aarau, Rivane Neuenschwander, The Name of Fear, seit 2013 Aargauer Kunsthaus, Aarau, Foto: Philipp Hitz, Zürich
Installationsansicht Davor · Darin · Danach. Die Sammlung im Wandel, Aargauer Kunsthaus, Aarau Michael Günzburger, Tierdruckserie, 2017,Aargauer Kunsthaus, Aarau / Schenkung Michael Günzburger, Foto: Philipp Hitz, Zürich

Ein Kunstmuseum im Glück! 2003 eröffnete das von den Architekten Herzog & de Meuron erweiterte Aargauer Kunsthaus seine Tore für die Kunstfreunde. Seither darf es sich nicht nur über erweiterte Ausstellungsmöglichkeiten freuen, auch die Sammlung hat namhafte Zugänge verzeichnet und ist auf über 20’000 Werke angewachsen. 2004 durfte man die Bestände des 2000 verstorbenen Künstlers, Produzenten und Sammlers Andreas Züst als Dauerleihgabe entgegennehmen. 2016 konnte das Kunsthaus sich aus der Sammlung Werner Coninx 127 Gemälde figurativer Schweizer Malerei aussuchen. 2020 schenkten Ellen und Michael Ringier dem Aargauer Kunsthaus 40 Werke aus der eigenen Sammlung und aus derjenigen der Firma. Die Zugänge von Andreas Züst waren 2009 unter dem Titel „Memorizer“, die Werke aus der Coninx-Sammlung 2020 repräsentativ ausgestellt. Der Bestand von Züst soll auch den Ausgangspunkt der Präsentation „Eine Frau ist eine Frau ist eine Frau“ ausmachen, die Elisabeth Bronfen zu den Künstlerinnen in der Sammlung für den Herbst 2022 vorbereitet.

Jetzt würdigt das Aargauer Kunsthaus die Schenkung Ringier mit einem grossen Auftritt im Rahmen einer Präsentation der Neuzugänge, die das Museum seit der Eröffnung des erweiterten Kunsthauses verzeichnen darf. Mit der Gabe wollten die Sammler Lücken schliessen. Am sichtbarsten stärkten sie mit Werken von Sylvie Fleury und Valentin Carron die Kunst aus der Romandie.
Die Sammlungsausstellung steht unter dem thematischen Titel „Davor – Darin – Danach“, der auf die narrative Struktur vieler Werke und der Kunstgeschichte allgemein als einer Ansammlung von Geschichten Bezug nimmt. Sie bietet mit rund 250 Exponaten auf allen drei Ausstellungsgeschossen aber auch Gelegenheit, die Neuzugänge im Hinblick auf die Entwicklung der Sammlung in Augenschein zu nehmen. Haben sich Sammlungskuratorin Simona Ciuccio und ihre Ko-Kuratorin Katrin Weilenmann doch auf Werke konzentriert, die in den letzten Jahrzehnten entstanden sind. Ganz aus der Überzeugung heraus, dass das Aargauer Kunsthaus sich als eine Institution versteht, die der jeweiligen Gegenwart verpflichtet ist.

Wer sich auf einen Spaziergang durch diesen Parcours der Neuzugänge begibt, trifft als erstes auf eine Konstellation, die zeigt, wie neue Entwicklungen sich mit vorhandenen Positionen verbinden. Besucherinnen und Besucher finden sich vor einer Installation von Shirana Shahbazi wieder, die Analogfotografien von gegenständlichen und abstrakten Kompositionen auf einer Wandmalerei zu einem spannungsreichen Ensemble verbindet.

Im Durchganz zum benachbarten Raum ist der Bildblock „Arbeit“ von Hannah Villiger zu sehen, die 1980/81 mit ihren Fotografien von Körperfragmenten auf ganz andere Weise einen räumlichen Eindruck hervorruft. Sowohl die Nutzung der Fotografie als skulpturales Medium wie die Vielteiligkeit verbindet beide Werke. Die Arbeit von Hannah Villiger wirkt wie ein Ausgangspunkt, auf den sich viele Neuerwerbungen beziehen lassen: Von der Fotoarbeit zur Umarbeitung eines Stuhls durch Esther Kempf bis zu Valérie Favres Gemäldeserie „Selbstmord“.
Die Öffnung von Genres, die verstärkte Einbeziehung von Handlungsformen und sozialen Fragen prägt viele Werke der letzten Jahrzehnte. Sie finden sich entsprechend auch unter den Neuzugängen des Aargauer Kunsthauses. Am schönsten vielleicht in den Kostümen, die die brasilianische Künstlerin Rivane Neuenschwander nach Erzählungen von Kindern als Schutzmäntel gegen ihre Ängste entworfen hat. Die fünf Bekleidungen „The Name of Fear / Aarau“ knüpfen an die lange textile Tradition der Moderne an, die in Aarau mit Sophie Taeuber-Arp herausragend vertreten ist.

Fäden weitergesponnen werden auch bei der Zeichnung. Hier finden sich so stille Arbeiten wie die bis auf jeweils ein Wort aus übereinander getippten Buchstaben leeren Blätter von Christoph Brünggel, die zusammen den Satz „When I Die 1000 Birds Will Fly Out Of My Mouth“ ergeben. Da sind die Tuschearbeiten von Andrea Heller, die Wimmellandschaft, die Didier Rittener mit Bleistift auf ein Riesenformat gezeichnet hat, oder die Lithografien von Michael Günzburger, der andeutungshaft tote oder betäubte Tierkörper darstellt. Oder die filmischen Zeichnungen einer Zilla Leutenegger. Alle erproben tradierte Medien auf ihre Tauglichkeit für heutige Erfahrungen.

Und da ist natürlich die grossartige Installation von Marc Bauer: Eine Zeitungsmeldung, dass der umstrittene Kunsthändler Hildebrand Gurlitt mit dem Maler Karl Ballmer freundschaftlich verbunden war, wurde zum Ausgangspunkt einer Recherche, die auf die Wand gepinnte Bleistift-Zeichnungen auf Papier ebenso umfasst wie beschriebene Blätter und eine grosse Kohlezeichnung auf der Wand. Karl Ballmers zwei Gemälde Sphinx, die für den Kontakt zu Gurlitt wichtig waren, hat Bauer nachgezeichnet. Das Aargauer Kunsthaus, das Ballmers Nachlass betreut, hat die Originale hinzugefügt. Entstanden ist so ein Resonanz- und Echoraum, der die Geschichte so konkret fasst wie möglich und doch in der assoziativen Schwebe belässt.
Verstärkt findet sich bei den Neuerwerbungen auch die Auseinandersetzung mit institutionellen Fragen. Dabei gehen verschiedene Arbeiten das bleierne Thema mit Ironie an: Thomas Müllenbach hat in einer Suite von Aquarellen seine Künstlerkolleginnen und -kollegen porträtiert: Dieter Roth mit einer seiner übervollen Matten, Urs Fischer mit tätowiertem Oberarm und Urs Lühti im Sport Tenue. Der Aktionskünstler San Keller stellt seine eigene Sammlung zur Verfügung. Sie hat sich als persönliches Museum bei seinen Eltern befunden und sucht jetzt eine neue Bleibe. Wir können uns um die Bilder und Archivalien bewerben. Da werden Fragen neu gestellt: Nach dem Verhältnis von Künstler und Museum, nach der Definitionsmacht über die Auswahl von Objekten, nach ihrem Status und ihrer Funktion, nach der Verantwortung von uns allen für unsere Kulturinstitutionen.
Malerei ist traditionell der Stolz der Aargauer Sammlung. Hier führen die Neuzugänge die Auseinandersetzung mit dem Medium fort. Das Obergeschoss zeigt, dass seine Anziehungskraft auch für junge und jüngere Kunstschaffende ungebrochen ist. Vom farbstarken Grossauftritt der Künstlerinnen Miriam Cahn, Pia Fries und Christine Streuli bis zum in Weiss verstummenden Atem eines Bruno Jakob erlebt man ein Fest der Malerei. Das intellektuelle Spiel mit dem Trompe L’oeil eines Hugo Suter beeindruckt ebenso wie die hintergründige Ironie eines Francisco Sierra oder die Positionen von Reto Boller und Mario Sala, die die Farbigkeit von Materialien einsetzen, um Bildwirkung zu erzielen, und diese mit dem Raum verbinden. Sie sind als Desiderata in Form von Leihgaben zugegen.

Medial ist im Übrigen alles vertreten, was Kunstschaffende heute verwenden. Gleichwohl sind Fotografie und Film/Video nur in ausgewählten Beispielen zu bewundern, die das Medium reflektieren. Das ist offensichtlich der Fall bei den Fotografien von Fiona Tan und Taiyo Onorato & Nico Krebs, bei der Filminstallation „Eight“ von Alexander Birchler und Teresa Hubbard oder bei Roman Signer: Seine Aktionen sind durch Super-8-Filme dokumentiert. Sie setzen das temporale Element, das er dem Diskurs um die Skulptur und die Verwendung des öffentlichen Raums hinzufügt, in die Zeitform eines Mediums um. Und es zeigt sich bei 2-Kanal-Videoinstallationen: Bei Seline Baumgartner werden die ballettartig ritualisierten Begegnungen von Menschen, bei Uriel Orlow das Spiel eines Pianisten und einer Cellistin auf zwei winkelartig in den Raum gestellten Leinwänden gezeigt. Beide Werke verbindet Aspekte von Video, Bild und Skulptur.
Sound ist eine Erweiterung der Auseinandersetzung mit dem Raum in eine neue Dimension, die in der Sammlung vorher so nicht zu erleben war. Der Innenhof wurde Veronika Spierenburg für eine Soundinstallation zur Verfügung gestellt, die sich mit dem Einfluss von Musik auf die Entwicklung menschlicher Stammzellen auseinandersetzt. Besser war dieser Ort noch nie zu erleben. Hier könnte man sich durchaus eine Reihe von Auftragsarbeiten vorstellen – vorausgesetzt die Nachbarschaft legt sich nicht quer. Und von Christian Marclay konnte aus seiner Einzelausstellung eine Installation erworben werden, die die Comic-Wörter für Geräusche wie „Slam“ und „Tshhhhh“ zu einem visuellen Surround-Erlebnis macht.

Wie viele Neuzugänge Bestand haben, muss sich weisen. Natürlich kann man fragen, ob eine riesige Arbeit wie die Aluminium-Installation „The Dancer and the Dance“ von Ugo Rondinone für das Verständnis seiner Position nötig ist. Oder ob Urs Fischer gegenläufig zu seinen grossformatigen Werken durch einen Zeichnungsblock nicht fassbarer wäre als durch sein ausgeschnittenes Loch in der Wand. Aber das sind Detailfragen, wie sie in jeder Sammlung aufscheinen. Die neuen Zugänge stehen für das Kunstschaffen ihrer Zeit und stärken den Anspruch des Hauses, das zentrale Museum für die Kunst des Landes zu sein. 
Wer das Aargauer Kunsthaus nach dieser opulenten Ausstellung verlässt, hat erlebt: Weder um die Kunst in der Schweiz noch um dieses Museum muss einem bang sein. Wenn Sammler Dauerleihgaben abziehen, wie es jüngst etwa bei den drei Gemälden von Caspar Wolf geschah, die bei Kornfeld in Bern auf den Auktionsblock kamen, oder bei den Kostümzeichnungen von Sophie Taeuber Arp, so ist das sicher bedauerlich. Das Aargauer Kunsthaus hat jedoch genug Substanz erworben, um den Schmerz zu besänftigen.