How (not) to fit in: Gefangen im ewigen Suchen

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Asli Özdemir, Die Vier von damals, aus der Serie mädchenname, 2020, Courtesy the artist
Review > Esslingen > Villa Merkel
9. Juni 2022
Text: Jolanda Bozzetti

How (Not) to Fit In – Metaphern der Adoleszenz.
Villa Merkel, Pulverwiesen 25, Esslingen.
Dienstag 11.00 bis 20.00 Uhr, Mittwoch bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 17. Juli 2022.
www.villa-merkel.de

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Christa Joo Hyun D'Angelo, Bitches & Witches, 2019, Videostill, Courtesy the artist
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Bianca Baldi, Play-White, 2021, Courtesy the artist
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James Gregory Atkinson, 6 Friedberg-Chicago, 2021, Filmstill, © James Gregory Atkinson
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Harry Hachmeister, Party, 2008, Harry Hachmeister, © VG Bildkunst, Bonn

Vor 150 Jahren wurde die Villa Merkel zwischen Bahnlinie und Neckar als großzügiges Wohnhaus für den Industriellen Oskar Merkel errichtet. Seit knapp 50 Jahren beherbergt das Gebäude die Galerie der Stadt Esslingen und präsentiert Ausstellungen zeitgenössischer Kunst. Die aktuelle Schau, von Bahnwärter-Stipendiat Benedikt Johannes Seerieder kuratiert, möchte die Villa Merkel wieder als Wohnraum erlebbar machen. 14 künstlerische Positionen sind eingezogen und beleben die Räume mit einem vielschichtigen Panorama rund um die Fragen und Dynamiken von Jugendlichkeit und Erwachsenwerden.

Die Foto-Serie „mädchenname“ führt Asli Özdemir (*1993) zurück in die Wohnung ihrer Mutter. Dort entstehen collageartige Stillleben, in denen gehäkelte, weiße Spitzendeckchen Schwarzweiß-Aufnahmen aus dem Jugendalbum der Mutter überlagern und die kitschige Deko-Keramik-Entenfamilie heute den gleichen Platz auf dem Fernsehschränkchen hat wie vor Jahrzehnten schon. Was bedeutet die Loslösung von den eigenen Eltern? Ab wann beginnt man als Tochter, die Mutter als eigenständige Frau wahrzunehmen, deren Lebenslauf den eigenen Weg prägt? Özdemir verhandelt diese Fragen durch das subtile Spiel mit verschiedenen Bildebenen, Ausschnitten und Neubelichtungen historischer Fotos oder stellt diese nach, wie in der Arbeit „wir sind beide sechsundzwanzig“: Zwei junge Frauen an der Spüle stehend, gleiche Körperhaltung, direkter Blick in die Kamera, verblüffend ähnlich, und doch ganz verschieden. Mutter und Tochter. Mit der eigenen Elternschaft als neu zu findende Rolle setzt sich Phung-Tien Phan (*1983) in zwei skulpturalen Assemblagen auseinander. Den Sockel – die analog verbrachte Kindheit der Millennials – bilden zwei hohe Stereo-Musikboxen samt lose am Boden liegender Kabelschnur. Auf die Boxen drapiert sind Findlinge, die mit Seidentüchern angebunden kleinere Baby-Steine tragen. Ein müde baumelndes Louis Vuitton-Täschchen an der einen und ein kegelförmiger vietnamesischer Strohhut auf der anderen Figur können als Verweis auf den sozialen Status einerseits und im weiteren Kontext auf Fragen der (multi-) kulturellen Identität gelesen werden.

Harry Hachmeister (*1979) funktioniert das ehemalige Gästezimmer der Villa zu einem Home Gym um. Pastellfarben glasierte, weich geformte Hanteln und Gewichte aus Keramik kombiniert mit Bügelbrettern vor einer großen Spiegelwand, lassen diesen traditionell mit (männlicher) Kraft und Wettkampf konnotierten Raum zu einem queer-verspielten Parcours werden. Zahlreiche weitere Arbeiten in der Ausstellung thematisieren Räume außerhalb der eigenen Wohnung, etwa den Spielplatz als Ort früher Kindheitserinnerungen, die Schulumkleide, die nicht selten mit schwierigen Erfahrungen speziell in der Pubertät verknüpft ist, oder die Shopping Mall als Treffpunkt für Jugendliche: In der Videoarbeit „Powerbanks“ von Britta Thie (*1987) wird das Minto in Mönchengladbach Schauplatz einer hyperrealen Story, eingebettet in die technologischen Verheißungen unserer kommerzialisierten Gesellschaft.

Der Tintenfisch mit seiner Fähigkeit der Biomimikry, der permanenten Anpassung an seine Umgebung zur Sicherung seines eigenen Überlebens, ist Protagonist der Videoarbeit „Play-White“ der südafrikanischen Künstlerin Bianca Baldi (*1985). Mit Ton- und Textcollagen verhandelt sie darin auch den mit rassifizierenden Zuschreibungen verknüpften soziologischen Begriff des „Passing“. Zugleich bilden die schillernden Unterwasseraufnahmen des Tintenfischs ein poetisches Bild für die Adoleszenz als Zeit der Suche und des Übergangs, der – wie die Ausstellung vor Augen führt – nicht nur die biologische Zeit des Erwachsenwerdens beschreibt, sondern das Lebensgefühl der jetzigen Generationen in einer Welt, die wenig Stabilität kennt und in der scheinbar jede:r mehr denn je auf der Suche ist.