Anne-Lise Coste

Anne-Lise Coste
Anne-Lise Coste, Untitled, 2022, Courtesy the artist & Galerie Elisabeth & Reinhard Hauff, Ellen de Bruijne, NoguerasBlanchard, Lullin + Ferrari, CAN Christina Androulidaki Gallery, Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland, 2022, Foto: Gina Folly
Porträt
8. Juni 2022
Text: Dietrich Roeschman

Anne-Lise Coste: Poem Police.
Kunsthaus Baselland, St. Jakob-Str. 170, Basel-Muttenz.
Bis 17. Juli 2022.
www.kunsthausbaselland.ch

Anne-Lise Coste: Post Modern Classic.
Galerie Hauff, Paulinenstr. 47, Stuttgart.
Bis 13. Mai 2022.
www.galeriehauff.de

www.annelisecoste.com

Anne-Lise Coste
AnneLise Coste, V lin de Rive, 2021, Courtesy the artist & Galerie Elisabeth & Reinhard Hauff, Ellen de Bruijne, NoguerasBlanchard, Lullin + Ferrari, CAN Christina Androulidaki Gallery, Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland, 2022, Foto: Gina Folly
Anne-Lise Coste
Anne-Lise Coste, Chains 1, 2022, Courtesy the artist & Galerie Elisabeth & Reinhard Hauff, Ellen de Bruijne, NoguerasBlanchard, Lullin + Ferrari, CAN Christina Androulidaki Gallery, Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland, 2022, Foto: Gina Folly
Anne-Lise Coste
Anne-Lise Coste, POLICE, und A, beide 2022, Courtesy the artist & Galerie Elisabeth & Reinhard Hauff, Ellen de Bruijne, NoguerasBlanchard, Lullin + Ferrari, CAN Christina Androulidaki Gallery, Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland, 2022, Foto: Gina Folly
Anne-Lise Coste, Chains, 2022, Courtesy the artist & Galerie Elisabeth & Reinhard Hauff, Ellen de Bruijne, NoguerasBlanchard, Lullin + Ferrari, CAN Christina Androulidaki Gallery

Noch stehen im Untergeschoss des Kunsthaus Baselland die Farbsprühdosen auf dem Teppichboden verteilt. Rot, Orange, Grün. Violett und Schwarz, Neonpink und Neongelb. Wie Teenager in Cliquen auf dem Schulhof beim Rauchen. Die Farben sind wasserlöslich, also gut für die Umwelt und die Gesundheit von Anne-Lise Coste, die hier für zwei Wochen ihr temporäres Studio aufgeschlagen hat, um an einer neuen Werkserie für ihre aktuelle Soloschau zu arbeiten. Kettenbilder. Aber dazu später.

Erstmals auf sich aufmerksam gemacht hatte die 1973 in Marseille geborene Künstlerin Ende der 1990er Jahre mit Videoarbeiten, in denen sie über ihre Rolle als Zeichnerin zwischen Kunstraum und urbanem Raum reflektierte. Eine dieser Arbeiten war auch in der Ausstellung „Freie Sicht aufs Mittelmeer“ im Kunsthaus Zürich zu sehen, mit der Kuratorin Bice Curiger der jungen Schweizer Kunstszene 1998 den Weg auf den internationalen Markt ebnete. Coste war damals gerade von Südfrankreich in die Schweiz gezogen, um ihr in Marseille begonnenes Studium an der Zürcher Hochschule der Künste fortzusetzen. Sie zeichnete mit einer bemerkenswerten Dringlichkeit, laut, schnell und meist auf DIN A4, oft mit kurzen Kommentaren, die nach und nach immer mehr Raum griffen. Sprache wurde zum Bild, ihre Homepage hieß zwischenzeitlich „syntaxerror“. Dass Coste am Ende nicht zur Prüfung erschien und stattdessen das Bild eines Affen schickte mit der Aufschrift „no home – no diplome“, brachte sie um den Abschluss – und zeigte zugleich ihre Bereitschaft, Nein zu sagen, wenn sie es für richtig hielt. „Der Kunstbetrieb ist der einzige Ort, wo das möglich ist“, sagte sie danach im Interview. Zehn Jahre später, anlässlich der Überblicksschau „Shifting Identities“, ebenfalls im Kunsthaus Zürich, sprühte Coste an gleicher Stelle „je ne veux pas“, „no border patrol“ und „dit mille fois merde à la politique de sarkozy“ an die Wand. Dicht an dicht überlagerten und verschlangen sich die Lettern zu einem Geflecht aus Kringeln, so satt und mit überbordendem Furor, dass die Farbe in blauen Schlieren die Wand herunterlief. Das Politische und das Persönliche sind für die Malerin, die heute im südfranzösischen Sète lebt, nicht voneinander zu trennen. Spontanität und Unmittelbarkeit ihrer Sprayarbeiten stehen dabei nur scheinbar im Widerspruch zur intensiven Auseinandersetzung mit Genderfragen im Kunstbetrieb, Armut, Rassismus und Polizeigewalt.

Im Kunsthaus Baselland hat sich Anne-Lise Coste nicht nur von den lösungsmittelhaltigen Spray-Cans befreit. Schon seit längerem experimentiert sie mit der Entkopplung von Impuls und Aktion. Die spontane Geste ist nicht mehr allein Ausdrucksmittel, sondern auch Gegenstand ihrer Malerei. Zwischen Sprühkopf und Oberfläche schieben sich so neuerdings weitere Ebenen der Abstraktion. Im Kellerstudio des Kunsthauses etwa arrangierte Coste auf großformatigen Bildträgern zunächst zahlreiche Ketten, die ihr als Sprühschablonen dienten. An der Wand hängen die Negativschatten dieser Ketten nun in den Bildraum wie die Spuren gesellschaftlicher Zwänge und historischer Bürden – gesprengte Ketten des Kapitals, der Macht, des Postkolonialismus. Für eine wandfüllende Graffiti-Installation nebenan wählte Coste dagegen den Umweg über die Lithografie und schichtete gesprühte Symbole und Slogans wie „NOUS FERRON FACES“, „LIBERATION“ oder „IMAGINE“ auf Papierbögen zu dichten, politisch aufgeladenen Zeichenpaketen, flankiert von einem Chor der Verweigerung – „NON“, „NON“, „NON“ –, eine Kollektion von Graffitishirts und zwei Neoninstallationen in Blaulichtblau, die in einem denkbar melancholischen Dialog den Imaginationsraum zwischen „POÈME“ und „POLICE“ vermessen.