Kudzanai-Violet Hwami: Erinnerte Identitäten

Kudzanai-Violet Hwami
Kudzanai-Violet Hwami, Family Portrait, 2017, © Kudzanai-Violet Hwami, Courtesy the artist & Victoria Miro
Review > Biel/Bienne > Kunsthaus Pasquart
1. Juni 2022
Text: Annette Hoffmann

Kudzanai-Violet Hwami.
Kunsthaus Pasquart, Seevorstadt 71, Biel/Bienne.
Mittwoch, Freitag 12.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 12.00 bis 20.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 18.00. Uhr.
Bis 12. Juni 2022.
www.pasquart.ch

Kudzanai-Violet Hwami
Kudzanai-Violet Hwami, Ausstellungsansicht Kunsthaus Pasquart, 2022, © Kudzanai-Violet Hwami, Courtesy the artist & Victoria Miro
Kudzanai-Violet Hwami
Kudzanai-Violet Hwami, You are killing my spirit, 2021, © Kudzanai-Violet Hwami, Courtesy the artist & Victoria Miro

Es ist eine Art Déjà-vu. Denn da ist sie wieder. Diesmal breiten sich die Blätter der Topfpflanze hinter einem Gefäß aus, dessen Deckel mit einem Tierkopf verziert ist. Wer derzeit Kudzanai-Violet Hwamis Ausstellung im Kunsthaus Pasquart besucht, trifft die Pflanze in den unterschiedlichsten Situationen an. Mal einzeln im oberen Feld von „A Theory on Adam“, dann im Hintergrund eines weiblichen Aktes wie in „Expiation“. Es ist eine Banane. Man kann nur darüber spekulieren, ob sie über sich selbst hinausweist. Doch die Häufigkeit, mit der sie in Hwamis Bildern erscheint, erinnert an die frühe Studiofotografie, als in den Ateliers eine Reihe von repräsentativen Objekten bereit gehalten wurde, um Porträts aufzuwerten. Pflanzen, hat Kudzanai-Violet Hwami einmal gesagt, seien wie Requisiten, die die Konstruktion eines Bildes anzeigen.

Konstruiert wirken diese Bilder tatsächlich. Das liegt an ihrem fragmentarischen Charakter und der Nähe zum Prinzip Collage, nicht zuletzt aber an ihrer extremen Farbintensität. Ihre Motive bezieht die in London lebende Künstlerin aus dem Netz, aus Familienalben und von Vintage-Pornografie. Kudzanai-Violet Hwami, die 1993 in Gutu, Simbabwe, geboren wurde und in Südafrika aufgewachsen ist, hat in London Kunst studiert. Mit dem Leben in verschiedenen Räumen kennt Hwami, die 2019 ihr Geburtsland auf der Biennale von Venedig vertrat, sich also aus. Dennoch fremdelt sie mit dem Konzept der Identität, das auf die jeweilige Individualität zugeschnitten ist. Lesbisch und eine simbabwische Frau zu sein, wäre für sie kein Grund allein, um Bilder zu malen, so Hwami. Und dennoch ist es ein Selbstporträt, das einen in der Bieler Ausstellung empfängt. Es zeigt die Künstlerin als Kind in roten Socken. Bananen stehen wie Hörner vom Kopf ab, der Blick des Mädchens, das auf einem roten Sofa sitzt und einen bunten Rock trägt, ist nachdenklich. Um sie herum sind in den gelben Hintergrund weitere Bananen und Zitronenscheiben mit schwarzen Linien gezeichnet.

In ihrer Malerei geht es Hwami um die Repräsentation schwarzer Körper. In „Newtown“ stellt sie zwei Frauen in weißen Oberteilen im Gespräch dar, im Hintergrund hat sie Fotos von Rundhäusern verarbeitet, die sie leuchtend grün übermalt hat. Im Vergleich zur Architektur wirken die beiden Frauen wie die Stellvertreterinnen eines modernen Afrikas. Schwarze Körper sind bei Hwami oft queer oder sexuell uneindeutig. In „A Theory on Adam“ umarmen sich zwei Männer mit nackten Oberkörpern im rechten oberen Bildfeld innig, ein Familienfoto darunter stiftet eine Verbindung zur Künstlerin selbst. Aber nicht selten sind insbesondere die männlichen Akte ohne Geschlecht dargestellt. Hwami verarbeitet männliche Pin-ups, ansonsten stellt sie alltägliche Szenen dar. „Sam in Mother’s Factory“ etwa, das sie auf die Straßenzüge eines Stadtplans gemalt hat. Sam ist bei der Arbeit abgebildet, bei der er etwas produziert, ein Fries von fünf Figuren befindet sich über ihm. Ein anderer Mann, mit einem Anzug bekleidet, setzt hockend eine Kokosnuss an den Mund, neben ihm breitet sich eine leuchtend blaue Fläche aus.

Für „Buktu, Anna, Nehanda“ von 2021 hat Kudzanai-Violet Hwami mit der simbabwischen Autorin und Soundkünstlerin Belinda Zhawi zusammengearbeitet. In Biel ist eine Tonspur ihres Gedichtes zu hören. Bild und Ton beziehen sich auf eine Sklavin, die 1727 aus Surinam nach Arnheim verschleppt wurde und dort als „zwarte Anna“ bekannt wurde. Hwami schafft ein Porträt der Frau, die 1780 starb, mit einem weißen Schal um den Kopf gebunden. Um sie ist die Urkunde verteilt, die ihren Verkauf besiegelte, sowie Fotos von schwarzen Haushaltshilfen, auf deren Rücken weiße Kinder reiten und die ein weißes Kind auf dem Arm tragen, dessen Kopf ausgeixt ist. Hier geht es ganz um Anna, die nicht einmal mit ihrem wirklichen Namen bekannt wurde.