Dani & Sheilah ReStack: Feral Domestic. Try Stack, again Stack, Dream Stack

Dani & Sheila ReStack
Dani & Sheilah ReStack, Feral Domestic, 2022, Future from Inside, 2021, Installationsansicht Kunstverein Nürnberg, Courtesy the artists and Kunstverein Nürnberg, Foto: Lukas Pürmayr
Review > Nürnberg > Kunstverein Nürnberg
23. März 2022
Text: Leon Hösl

Dani & Sheilah ReStack: Feral Domestic.
Kunstverein Nürnberg – Albrecht Dürer Gesellschaft, Kressengartenstr. 2, Nürnberg.
Dienstag bis Freitag 14.00 bis 18.00 Uhr, Samstag und Sonntag 13.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 27. März 2022.
www.kunstvereinnuernberg.de

Dani & Sheila ReStack
Dani & Sheilah ReStack, Feral Domestic, 2022, Future from Inside, 2021, Installationsansicht Kunstverein Nürnberg, Courtesy the artists and Kunstverein Nürnberg, Foto: Lukas Pürmayr
Dani & Sheila ReStack
Dani & Sheilah ReStack, Feral Domestic, 2022, Future from Inside, 2021, Installationsansicht Kunstverein Nürnberg, Courtesy the artists and Kunstverein Nürnberg, Foto: Lukas Pürmayr

Eine Hand legt einen Stein vorsichtig in einen geöffneten Mund – ein Skalpell durchschneidet rasierte Kopfhaut bis Blut heraustritt – ein Musikvideo von Prince – ein nacktes Kind klammert sich an einen Frauenkörper, gemeinsam springen sie in einen See – zwischen den Schenkeln blutige Finger, mit denen eine Frau gerade zum Orgasmus gebracht wurde – Behälter werden getragen, Wasser schwappt über – unscharfe Blicke in Wohnräume  – Überwachungskameras – mit einer Pipette wird Flüssigkeit in geöffnete Augen getropft – zwei Hände vergraben einen blutigen Stein im Sand.

Die Filmtrilogie von Dani und Sheilah ReStack besteht aus zahllosen einzelnen Szenen, die erst den Eindruck chaotischer Fragmentierung vermitteln und nur langsam Zusammenhänge preisgeben. Das in Ohio lebende Duo, Künstlerinnen- und Liebespaar, ist sowohl für ihre individuelle wie auch für ihre gemeinsame Praxis bekannt, die aus multimedialen Installationen, Zeichnungen wie auch Kurzfilmen besteht. Die drei Filme sind in Nürnberg erstmals im Ausstellungsraum anstatt im Kinosaal zu sehen. Dadurch werden die installativen und skulpturalen Qualitäten der Filme hervorgehoben, die wichtig für das Verständnis der Filme sind. Denn sie folgen keiner klassischen Narration, sondern vermitteln sich zuerst durch den Rhythmus von Farbe, Formen, Lichtstimmungen und wiederkehrenden Handlungen.

Das Material des Films ist das Leben der ReStacks, vieles davon wie beiläufig mit der Handkamera gefilmt. Diese ist direkt in oft sehr intime Situationen involviert und sucht meistens erst noch ihr Motiv während sie schon längst aufnimmt. Vieles ist ein Spiel mit und um die Kamera: das Spiel zwischen Erwachsenen und Kindern am Badesee; das begehrende Spiel zwischen zwei sich liebenden Menschen; das gewaltvolle Spiel mit dem eigenen Körper; das Spiel mit Gegenständen aus Haus und Natur. Alles Handlungen, die um die Themen von Häuslichkeit, Familie und Reproduktion kreisen und durch eine eigene Mythologie verbunden sind. Diese skizziert eine Art queere Ökologie, in der lesbische Hexen bei der Zeugung dafür sorgen, dass die Kinder ohne Wasser und damit auf dem verwüsteten Planeten der Zukunft überleben können und schließlich mit den Tieren Freundschaft schließen.

Diese Narration, die sich aus Textkommentaren zu den Filmen erschließt, kreist um das Begehren eines lesbischen Paares nach Kindern, ihrem Konflikt, diesen Wunsch in Einklang zu bringen mit der Angst vor der düsteren Zukunft des Planeten Erde und dem Ablegen traditioneller Rollen des Familienlebens. Die Trilogie ist aber nicht nur Dokument dieser jahrelangen Auseinandersetzung, sondern soll auch ein Werkzeug sein, diesen Konflikt durch die Arbeit am Film zu lösen. Im letzten Teil nehmen Freund*innen die Rollen von Dani und Sheilah ein, mit dem Ziel durch Schauspiel eine Objektivität herzustellen, die das „bessere“ Argument preisgibt. Dabei springen die Szenen des Films so schnell von einem Moment zum anderen, dass sich die Spannung nie auflöst. Gerade die Dynamik zweier sich Liebender, die miteinander in einem ständigen, häufig spielerischen Prozess des Verhandelns von familiären Rollen und künstlerischen Entscheidungen sind, verleiht dem Film seinen Fluss. Es wird ständig umgeschichtet, wie der selbstgewählte Name des Paares, ReStack, schon vermittelt, keine Anordnung hat Anrecht auf langfristige Gültigkeit.

Die letzte Einstellung zeigt von leichtem Wellengang bewegtes Wasser. Wasser, das, wie die Künstlerinnen schreiben, eine wiederkehrende Metapher bildet, die sich einer Form verweigert und dabei jedes Behältnis ausfüllen kann, sich aber nicht stapeln, also nicht in Ordnungssysteme zwängen lässt. Hier findet die „ungezähmte Häuslichkeit“ einen Moment Ruhe.