Mutter!: Lebenslang

Mutter Jean-Paul Goude
Jean-Paul Goude, Die Grace Jones Show: Konstruktivistisches Umstandskleid, New York, 1979, © Jean-Paul Goudeo, Courtesy the artist, Installationsansicht © Kunsthalle Mannheim, Elmar Witt
Review > Mannheim > Kunsthalle Mannheim
14. Dezember 2021
Text: Christel Heybrock

Mutter!
Kunsthalle Mannheim, Friedrichsplatz 4, Mannheim.
Dienstag, Donnerstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr,Mittwoch 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 6. Februar 2022.
www.kuma.art
Zur Austellung ist ein Katalog erschienen:Distanz Verlag, Berlin 2021, 128 S., 30 Euro | ca. 38.90 Franken.

Mutter Kaari Upson
Kaari Upson, Mother’s Legs, 2020, Installationsansicht © Kunsthalle Mannheim, Elmar Witt
Mutter Laure Prouvost
Laure Prouvost, MOOTHERR, 2021, Courtesy the artist, Galerie Nathalie Obadia, carlier | gebauer und Lisson Gallery, Installationsansicht © Kunsthalle Mannheim, Elmar Witt

Man könnte sich einen ganzen Tag und länger hier aufhalten, aber am Ende braucht man erstmal einen Schnaps. Es ist wirklich zu viel Mutter, was da in mehr als 150 Exponaten in der Kunsthalle Mannheim auf einen einstürmt. Mutter-Beine, wie Baumstämme von der Decke herabhängend (Kaari Upson, „Mother’s Legs“), Mutter-Bäuche an der Wand (Kirsten Justesen, „Umstände“), Mutter mit Nuckelsäugling an enormen Brüsten (Catherine Opie, „Selfportrait Nursing“), Mutter als ausgestopftes Monster (Nathalie Djurberg & Hans Berg, „Once Removed on My Mother’s Side“), als Walt-Disney-Queen im Video, als dunkelglibberige Busenhöhle (Laure Prouvost, „MOOTHERR“) oder manisch beschworen in benutzten Schuhen oder Lippenstift (Miyako Ishiuchi). Es scheint keinen Mutter-Aspekt zu geben, auf den in der Themenschau, einer Kooperation mit dem Louisiana Museum in Dänemark, verzichtet wurde. Es gibt auch keine historische Epoche, die nicht wenigstens durch ein paar Exponate repräsentiert wurde, als wüssten wir nicht, dass es Mütter schon immer gegeben hat.

Natürlich hat sich das Bild von Müttern in der Gesellschaft über Jahrhunderte verändert, und auch das kann man hier verfolgen, aber geblieben ist die Grundsituation Mutter-Kind, und die ist ambivalent genug, um einem (ja nicht nur hier) starke Nerven abzuverlangen. Mutter ist frau nur, wenn sie ein Kind hat. Und Kind ist man, ebenso wie Mutter, lebenslang, da kann man noch so entfernt, noch so autonom sein, an der Verwandtschaft der Zellen ist nie zu rütteln.

Diese wechselseitige Abhängigkeit ist kuschelig und seelenstärkend etwa bei Picasso, Henry Moore, einer russischen Ikone oder dem schönen Madonnenbild von Dieric Bouts (nach 1454). Heute sieht es nicht mehr so friedlich aus, da hält Valie Export anstelle des Babys einen Staubsauger in Arm, bei Cindy Sherman ist die Mutterbrust aus Plastik. Die eindrücklichste Darstellung der konfliktreichen Mutter-Kind-Beziehung ist wohl René Magritte gelungen mit dem Gemälde „Geist der Geometrie“ 1937, das auch als Poster und auf dem Flyer verbreitet wird: Da sitzt die Mutter, zum Kind verkleinert, auf dem Arm des Riesenbabys, das von nun an ihr Leben bestimmt und das sie immer im Baby-Stadium halten wird.

Irgendwann beim Rundgang sucht man nur noch nach Halt, und da fallen einem zwei sehr konträre Exponate auf. Einmal ist es das „Konstruktivistische Umstandskleid“ von Jean-Paul Goude, entworfen für die Grace Jones Show 1979 in New York: ein dynamisches, aus Dreiecksflächen auf- und übereinander getürmtes Gebilde in Rot, Orange, Blau, Weiß und Schwarz. Angesichts der Formenklarheit und der leuchtenden Farben atmet man mal ganz tief durch – alles ist hier eindeutig, rhythmisch prägnant und von kristalliner Stabilität, alles Weiche, Wabernde und endlos Gerundete bleibt fern.

Aber das wunderbare Stück ist ein Solitär. Im letzten Raum bleibt man mit leichtem Schauder hängen vor einem großformatigen Video des isländischen Künstlers Ragnar Kjartansson: „Me and My Mother“. Das geht über volle zwanzig Minuten: In einem bildungsbürgerlichen Wohnzimmer stehen Sohn (Anzug und Krawatte) und Mutter (Dauerwelle, Goldbrosche am blauen Strickkleid) wortlos nebeneinander, und sie spuckt ihn an. Immer wieder. Binnen Sekunden bäumen sich in ihrem Innern Hass und Verachtung von Neuem auf, direkt proportional zur Produktion  ihrer Speicheldrüsen, und irgendwann fragt man sich, ob der Sohn, auf dessen Anzug die feuchten Spritzer wachsen, nicht mal zurück spucken oder wenigstens dem würdelosen Schauspiel durch Weggehen ein Ende setzen könnte. Aber nein, er sieht sie manchmal an, erduldend, gelegentlich zusammenzuckend, aber er bleibt – als der zivilisiertere Teil. Und das ist sie eben, die Mutter-Kind-Ursituation: Auch wenn er wegginge – sie bliebe seine Mutter. Schrecklich.