Martina Morger

Martina Morger, Lêche Vitrines
Martina Morger, Lèche Vitrines, 2020, Videostill, Courtesy the artist
Porträt
9. Dezember 2021
Text: Annette Hoffmann

Martina Morger. Lèche Vitrines. Manor Kunstpreis St. Gallen 2021.
Kunstmuseum St. Gallen, Museumstr. 32, St. Gallen.
Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 6. März 2022.
Am 26. Februar 2022 findet um 14 Uhr ein Stadtspaziergang mit Martina Morger statt und danach ein Gespräch mit ihr über Kunst im öffentlichen Raum.
www.kunstmuseumsg.ch

www.martinamorger.com

Martina Morger, Lêche Vitrines
Martina Morger, Cleaning Her, 2021, Videostill, Courtesy the artist
Martina Morger, Cleaning her
Martina Morger, Cleaning Her, 2021, Videostill, Courtesy the artist

Ganz am Anfang der Pandemie konnte man in den Vermischtes-Rubriken von Menschen lesen, die im öffentlichen Raum Handläufe oder Fahrkartenautomaten ableckten. Die Strafe folgte auf dem Fuß. Man zuckt also innerlich ein bisschen zusammen, wenn man in Martina Morgers Video „Lèche Vitrines“ die Künstlerin selbst durch ein spektakulär verwaistes Paris laufen sieht und sie, nachdem sie eingehend die Auslagen der Luxusstores betrachtet hat, anfängt die Schaufenster abzulecken. Die Objekte sind ein bisschen wahllos herausgepickt, Slingpumps von Karl Lagerfeld, Werbung für Fernreisen, aber eben auch Spezialitäten. Einmal stößt Morger ihre Zunge durch ein metallenes Gitter. Ihr Gesichtsausdruck sieht aus als wäre sie gar nicht beteiligt.

Die körperliche, intime Nähe zu Objekten wirkt wie ein Tabubruch, genau genommen, ist es jedoch eine wörtliche Umsetzung des französischen Begriffs für Schaufensterbummel. Und hier schwingt ja ein ständiges Begehren mit, das geweckt wird, weil man Dinge nur sieht und sie nicht in Besitz nehmen kann. Während des Lockdowns hielt Morger sich mit einem Stipendium in der Pariser Cité Internationale des Arts auf und konnte ihre ursprünglich geplante Arbeit nicht umsetzen. Für Morger, die 1989 in Vaduz geboren wurde und die nun mit dem Manor Kunstpreis St. Gallen ausgezeichnet wurde, hat die Geste des Leckens auch etwas Begütigendes, ja Heilendes. Als könnte man die Dinge darüber hinweg trösten, dass sie nicht ihren eigentlichen Zweck einlösen können, oder grundsätzlicher, dass sie nichts dafür können, kapitalistische Objekte zu sein.

Sieht man Morger im Kunstmuseum St. Gallen bei ihrem gut 15-minütigen Schaufensterbummel zu, wirkt dies wie Arbeit. Morger trägt zu orangefarbenen Hosen eine kastig geschnittene blaue Jacke. Das hat etwas von einer Uniform, zumal sie in ihrer Videoinstallation „Cleaning Her“, die eigens für die Manor Kunstpreis-Ausstellung entstanden ist, in einem Blaumann zu sehen ist. Mit einem Eimer Wasser und einem Putzlappen reinigt sie in St. Gallen Kunst im öffentlichen Raum. Etwa „stadtlounge“ von Pipilotti Rist und Carlos Martinez oder die Figuren von Eva Lips „Der etwas andere städtische Schulweg“, die aus einer Mauer hervorbrechen, die mittlerweile voller Tags ist. Die Arbeiten wirken wie lieblos abgestellt und von den Verantwortlichen vernachlässigt. Kunst im öffentlichen Raum ist Martina Morger jedoch ein wirkliches Anliegen. Zusammen mit ihrem Künstlerkollegen Luca Büchler und der Kunsthistorikerin Elsa Himmer hat sie in Zürich in diesem Jahr Perrrformat gestartet. Zuletzt hatte das Trio im September die Young Boy Dancing Group eingeladen. Mit der Zeit soll parallel ein Archiv aufgebaut werden. Und im Rahmen ihrer St. Gallener Ausstellung plante sie Performanceauftritte ein, nicht als Event, sondern als gleichberechtigte Kunstform neben Skulpturen und Bildern. Tatsächlich ist ihre Einzelschau „Lèche Vitrines“ voller Verweise. Auch die leeren Vitrinen, die eine Art Passage bilden, funktionieren so. Sie scheinen aus Geschäften zu stammen, die die Corona-Krise nicht überstanden haben, ein Zettel auf dem „Preise Paradies“ gedruckt ist, steht Kopf und in einem anderen beleuchteten Glaskasten wird auf einen Online-Shop hingewiesen. Wenn Begehrlichkeiten noch nicht einmal geweckt werden, hat dies etwas Enttäuschendes. Aber der Flaneur des 21. Jahrhunderts hat anderes zu tun.