Anita Mucolli

Anita Mucolli, Bank of Dreams
Anita Mucolli, The Bank of Dreams, 2021, Installationsansichten PLATTFORM21, MASILugano, 2021, Foto: Mattia Angelini, Courtesy the artist & PlattformPlattform
Porträt
14. September 2021
Text: Iris Kretzschmar

Anita Mucolli, Trägerin des Helvetia Kunstpreises 2021, zu sehen in einer Soloschau an der Liste – Art Fair Basel, Messe Basel, Halle 1.1, Basel, sowie in der Gruppenschau „Interior“, Kunsthalle Palazzo, Liestal, bis 31. Oktober 2021.

Anita Mucolli, I used to stand
Anita Mucolli, I Wandered from Dusk to Dusk and back and forth, Millions of Years ago, 2019,, Ausstellungsansicht Basis Exhibition 1. & 2. Year BA Fine Arts, Academy of Art and Design FHNW Basel
Anita Mucolli, I used to stand
Anita Mucolli, I Wandered from Dusk to Dusk and back and forth, Millions of Years ago, 2019, Ausstellungsansicht Basis Exhibition 1. & 2. Year BA Fine Arts, Academy of Art and Design FHNW Basel

Wer die diesjährige „Plattform“ im MASI Lugano besuchte, stieß auf eine Wandarbeit, ähnlich einem Bankomaten, der im Eingangsbereich des repräsentativen Museumsgebäudes Palazzo Reali montiert war. Bei genauerer Betrachtung entpuppte sich die Anlage als die Installation „The Bank of Dreams“ von Antia Mucolli (*1993), die den Schlaf und Traum als Rohstoff für Anlagen benutzt ‒ ein Businessmodell der Zukunft. Mucolli, Gewinnerin des Kunstpreis der Helvetia und mittlerweile MA-Studentin an der Basler Hochschule für Gestaltung und Kunst, nimmt visuell das pompöse Erscheinungsbild von Banken auf und baut einen Rahmen aus Scagliola, einem Marmorimitat, das schon für Kirchen und Paläste in Renaissance und Barock verwendet wurde. Anstatt eines Displays ist ein Flachbildschirm montiert, wo Videospots für Dienstleistungen der Institution werben. Während eine sanfte Stimme nach unseren Träumen und Erinnerungen fragt und verspricht, unsere Sehnsüchte im Schlaf zu verwirklichen, flackern Bilder einer idealisierten, ästhetisierten Welt über den Screen: Momente von Familienglück, Treffen geliebter Menschen, hautnahe Begegnung mit Kunst oder Schweben in Flüssigkeit, sollen eine fiktive Kundschaft verführen. „The Bank Of Dreams“ verspricht, dass über Eingabe eines Codes all die Illusionen im Schlaf zur Realität werden. Soll das unsere Zukunft sein? Noch ist dieses Szenario nicht möglich, doch neueste Technologien forschen genau in diese Richtung. Wir sollten uns damit auseinandersetzen und Stellung beziehen, mahnt die Künstlerin. Mit ihren Recherchen – unter anderem auf Basis der Publikation von Jonathan Crarys „24/7. Late Capitalism and the Ends of Sleep“ – untersucht Mucolli, wie spätkapitalistische Systeme noch tiefer in das Wesen des Menschen und seine Bedürfnisse eindringen könnten. Zum Beispiel könnte die letzte noch unberührte Bastion unseres Schlafes für Werbezwecke kommerzialisiert werden, indem Schläfern eine virtuelle Realität im Traum vorgegaukelt wird, die nahtlos mit der Lebensrealität verschmilzt.

Wer ist die junge Preisträgerin, die mit grosser Ernsthaftigkeit und kritischem Blick komplexe Themen reflektiert? Eine mehrstufige Ausbildung ermöglichte ihr Einblick in verschiedene Lebensbereiche. In ihrer Lehre in einem Möbelhaus erspürte sie die Bedeutung von Wohnräumen als heimatliche Idyllen. Danach holte sie die gestalterische Berufsmaturität nach, interessierte sich für Journalismus, schrieb dann aber doch lieber ohne Auftrag. Die Ausstellung im Aargauer Kunsthaus „Rhythm in it“ von 2013 wird zum Schlüsselerlebnis ‒ sie bewirbt sich an der Hochschule für die Kunstklasse.

Hier beginnt sie begehbare Innenräume zu bauen, die Unterbewusstes und Erinnertes in einer fiktiven Zukunft beschwören. Selbst dokumentiert sind die atmosphärisch aufgeladenen Räume beeindruckend. Zu sehen sind menschenleere Bars, Schlafzimmer oder und Empfangssäle ganz unterschiedlicher emotionaler Gestimmtheit. Licht spielt darin eine wichtige Rolle. Mit dem poetischen Titel „I Wandered from Dusk to Dusk and back and forth, Millions of Years ago“ (2019) verbinden sich zwei Zimmer, die an eine Absteige amerikanischer Motels erinnern. Warme Strahlen dringen durch die herabgelassenen Storen. Einsamkeit, Menschenleere und Verlassenheit werden durch einen modrigen Geruch verstärkt. Die Installation „I used to stand by the win­dow and the sun would almost burn my face, but that day, I remember clearly, it actually did“ (2020) zeigt die Rekonstruktion einer Erinnerung, deutet ein Ereignis an, das aber nicht aufgelöst wird. Die faszinierenden Raumbilder von Anita Mucolli ermöglichen eine Erfahrung, verschiedene Zeitebenen, wie Erinnerung und Vision der Zukunft, simultan zu erleben.