Anna Schütten

Anna Schütten On screens
Anna Schütten, o.T. (11 Bahnen, Freiburg), 2020, Courtesy the artist, © VG Bild-Kunst, Bonn
Porträt
7. September 2021
Text: Annette Hoffmann

Spurensuche, mit Arbeiten u.a. von Anna Schütten, Simone Demandt, Richard Long, Antonetta Marinov, Hösl & Mihaljevic und David Semper.
PEAC Museum, Robert-Bunsen-Str. 5, Freiburg.
Dienstag bis Freitag und Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
19. September 2021 bis 20. Februar 2022.
www.peac.digital

Anna Schütten Sybelzentrum
Anna Schütten, on screens II, 2020, Ausstellungsansicht Sybelzentrum, Karlsruhe, Courtesy the artist, © VG Bild-Kunst, Bonn
Anna Schütten verso
Anna Schütten, verso (Notation) 2019, Courtesy the artist, © VG Bild-Kunst, Bonn

Stipendienaufenthalte sind manchmal Wundertüten. Man weiß nicht, mit was man nach Hause kommt. Anna Schütten (*1989) brachte ihr Gastsemester an der Tianjin Academy of Fine Arts 2014 zum Sound. Alles klang plötzlich anders als gewohnt. Man kann vor Fremdheit mitunter auch nur schlecht die Augen schließen, doch ihr die Ohren zu verweigern, ist so gut wie unmöglich. Nachdem Schütten gut 25 Jahre in ein vertrautes Klangbild eingebettet war, hörte sich nun alles anders an: die Sprachfetzen, die sie in einem Café aufschnappte, der Straßenlärm, selbst an einfache mechanische Geräusche musste sie sich gewöhnen. Sie begann mit ihrem Handymikro Aufnahmen zu machen. Zurück in Freiburg, wo Anna Schütten an der Außenstelle der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe bei Leni Hoffmann studierte, entstand daraus erst einmal nichts. Nicht grundlos hatte sie ihr Studium ganz klassisch mit Malerei begonnen – doch seit 2019 ist sie an der Robert Schumann Hochschule Düsseldorf im Masterstudiengang „Klang und Realität“ eingeschrieben. Gerade ist sie dabei, ihre Abschlussarbeit fertigzustellen. Was sie daran schätzt? Dass die unterschiedlichen Disziplinen der Studierenden die eigene Position schärfen und sie zwingen, eigene Fragen ständig neu zu formulieren.

Mittlerweile lösen die Phasen, in denen die in Köln lebende Künstlerin malt und in denen sie an Soundinstallationen arbeitet, einander ab. Für sie heißt dies, dass die Formprobleme der einen Kunstform die andere begleiten und das eine im anderen bedacht wird. Und so ist ihre Malerei in den letzten Jahren installativer geworden, während ihre Kompositionen offener gedacht sind. Die Simultaneität des Bildes und die Linearität einer Tonfolge haben sich so gut es geht, einander angenähert. Die Besucherinnen und Besucher der Regionale 19 in der Galerie für Gegenwartskunst im Freiburger E-Werk konnten sich frei zwischen den von der Decke hängenden Stoffbahnen ihrer Malerei-Installation bewegen. Die ideale Perspektive oktroyierte sie niemandem auf. Je nach Blickwinkel und den Wegen, die man nahm, ergab sich ein ganz eigenes Bild der bemalten, bedruckten und in Farbe getränkten Leinwände. Und anders herum hat sie es in „verso“ den beteiligten Musikerinnen und Musikern überlassen, die ihnen vorgelegten Fotografien zu interpretieren, und den Besucherinnen und Besuchern wiederum, welchen Zeitausschnitt und Standort sie wählen. Jeder von uns ist sein eigener Editor. Künstlerische Kontrolle ist vorhanden, aber relativ. Die Ausstellungsbesucherinnen und -besucher an ihr zu beteiligen, war wohl nur ein letzter Schritt. Denn Kollaborationen hatten bereits im Studium einen hohen Stellenwert. In einer Freiburger Unterführung arbeitete sie mit Frida Ruiz 2017 an einem kleinen Gesamtkunstwerk aus Wandmalerei, Sound und Tanz, und während der Vernissage einer Akademie-Ausstellung in Karlsruhe lud sie für „Anna Schütten trifft“ Mitstuidierende zum Improvisieren ein, lediglich der Zeitpunkt der Performance war festgeschrieben.

Für die Freiburger Ausstellung „Spurensuche“ im PEAC Museum entwickelt sie nun eine Soundarbeit vor Ort. Das Ergebnis könnte sein: kleine Patterns, in den Räumen der Ausstellung verteilt und visuell so unauffällig wie nur möglich. Gut 50 Stunden uneditiertes Material können da zusammenkommen. Es ist eine Zeitspanne, die sie mit dem Klang verbringt, wie sie sagt, so wie sie andernfalls im Atelier an einem Bild arbeiten würde. Die Aufnahme ist nicht nur die Spur von etwas, sie ist auch der Speicher der Zeit, die es brauchte, damit sie entstehen konnte. So kondensiert wie ein Bild auf Leinwand.