Marina Abramović, Jenes Selbst / Unser Selbst: Stillsitzen für das Hier und Jetzt

Marina Abramovic, Spirit House - Dissolution
Marina Abramović, Spirit House – Dissolution, 1997, Videostill, © Marina Abramović, VG Bild-Kunst, Bonn 2021, Courtesy of the Marina Marina Abramović´ Archives
Review > Tübingen > Kunsthalle Tübingen
24. August 2021
Text: Jolanda Bozetti

Marina Abramović: Jenes Selbst / Unser Selbst.
Kunsthalle Tübingen, Philosophenweg 76, Tübingen.
Montag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 19.00 Uhr.
Bis 13. Februar 2022.
www.kunsthalle-tuebingen.de

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2021, 296 S., 39,80 Euro | ca. 48.90 Franken.

Marina Abramovic, Levitation of Saint Teresa
Marina Abramović, Levitation of Saint Teresa, 2009, Videoinstallation, © Marina Abramović, VG Bild-Kunst, Bonn 2021, Courtesy of the Marina Marina Abramović´ Archives
Marina Abramovic, Vanitas
Marina Abramović, Vanitas, aus der Serie: The Kitchen, Homage to Saint Teresa, 2009, Videoinstallation, © Marina Abramović´, VG Bild-Kunst, Bonn 2021, Courtesy of the Marina Marina Abramović´ Archives

Spätestens durch ihre Ausstellung mit Langzeitperformance im MoMa 2010 wurde sie weltberühmt. Zweieinhalb Monate saß Marina Abramović (*1946) den ganzen Tag regungslos auf einem Stuhl im Foyer des Museums und blickte dem ihr jeweils gegenüber sitzenden Menschen in die Augen. „The artist is present“ war die radikalste Ausformulierung ihrer bisherigen Performances, die Essenz ihres künstlerischen Ansatzes: die Herstellung eines „Energiedialogs“, so Abramović, zwischen Publikum und Künstlerin. So friedlich und bewegungslos war dieser Dialog jedoch nicht von Anfang an. Erste Arbeiten wie etwa „Rhythm 0“, eine sechsstündige Performance 1974 in Neapel, gaben alle Handlungsmacht dem Publikum, waren von physischen wie psychischen Grenzüberschreitungen geprägt und hätten die Künstlerin ihr Leben kosten können.

In ihrer aktuellen Ausstellung in der Kunsthalle Tübingen, die Abramović mit Direktorin Nicole Fritz gemeinsam kuratiert hat, blickt sie nun auf ihren Weg zurück. Eine frühe Performance von 1975, „Freeing the Memory“, wurde in der damaligen Tübinger Galerie Ingrid Dacić zum ersten Mal aufgeführt und ist nun im dokumentierenden Video nachzuerleben: 90 Minuten lang zählt die Künstlerin Wörter in ihrer serbischen Muttersprache auf, ohne Zusammenhang, bis ihr keine mehr einfallen. Bereits in dieser frühen Arbeit sucht die Künstlerin den Kopf, das Innere zu entleeren, um einen Zustand der reinen Präsenz zu erreichen.

Mit Beginn der Zusammenarbeit von Abramović und Ulay 1976 kommen neue Themen hinzu. So schuf das Künstlerpaar etwa mit dem Film „That Self“ (1980), bestehend aus der Aufzeichnung von vier Performances, darunter „Rest Energy“ und „Point of Contact“, einige bis heute ikonische Bilder für das symbiotische Wirken von weiblichem und männlichem Prinzip. Sie setzten sich mit dem Unbewussten und mit Techniken der Hypnose auseinander, um gemeinsam ein „höheres Selbst“ zu entwickeln, eben „Jenes Selbst“. Mehrere Arbeiten des Duos wurden in Tübingen entwickelt und erstmals aufgeführt. Nach der Trennung von Ulay intensiviert Abramović ihre spirituelle Suche, die immer wieder über den physischen Schmerz führt. So sieht man sie 1995 („The Onion“) eine rohe Zwiebel wie einen Apfel essen, während sie sich 1997 in „Spirit House – Dissolution“ 15 Minuten lang den nackten Rücken auspeitscht, um durch die Überwindung des Schmerzes einen neuen Bewusstseinszustand zu erlangen. Zwölf Jahre später scheint Abramović geläutert. Für die Performance „Portrait with Golden Mask“ (2009) bedeckte sie ihr Gesicht fast vollständig mit Gold und stilisierte sich so zur Verkörperung einer christlich-orthodoxen Ikone. Bis auf das im leichten Windhauch sich bewegende Blattgold wirkt hier die Performance wie im Standbild eingefroren. Das teils wilde Agieren in den früheren Arbeiten beruhigt sich, der Fokus liegt zunehmend auf der reinen Anwesenheit der Künstlerin. Abramovićs Aura wird zum Zentrum ihrer Arbeiten. Bereits die Anfang der 1990er Jahre aufgeführte Performance „Dragon Heads“ zeigt lediglich das regungslose Antlitz der Künstlerin, die mit ihrer bloßen konzentrierten Anwesenheit die Gefahr der sie umschlingenden Giftschlangen abzuwehren weiß.

Dramaturgischer Höhepunkt und zugleich Abschluss der Tübinger Ausstellung bildet die erstmals in Deutschland gezeigte Arbeit „The Life“ (2019), eine technisch höchst anspruchsvolle Mixed-Reality-Installation. Mittels einer VR-Brille erscheint im realen Ausstellungsraum das virtuelle Abbild der Künstlerin. In langem, rotem Gewand und mit hallenden Schritten betritt sie eine imaginäre Bühne, führt langsame Bewegungen mit ihren Armen aus. Das alles wirkt für Abramović ungewöhnlich kühl und emotionslos. Die Intensität ihrer tatsächlichen Präsenz lässt sich virtuell nicht vermitteln und man fragt sich leise, ob 2010 „The artist is present“ nicht ein folgerichtiger Schlusspunkt für dieses sehr intensive Œuvre gewesen wäre.