Kathrin Sonntag: Das sieht einer Pfeife ähnlich

Kathrin Sonntag, Dinglinge, 2018
Kathrin Sonntag, Dinglinge #5-8, 2018, Courtesy the artist, © Kathrin Sonntag
Review > Solothurn > Kunstmuseum Solothurn
23. August 2021
Text: Annette Hoffmann

Kathrin Sonntag, Ichduersieeswirihrsie.
Kunstmuseum Solothurn, Werkhofstr. 30, Solothurn.
Dienstag bis Freitag 11.00 bis 17.00 Uhr, Samstag und Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 12. September 2021.
www.kunstmuseum-so.ch
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Verlag für moderne Kunst, Wien 2021, 120 S., 34,30 Euro | ca. 42.90 Franken.

Kathrin Sonntag, Glass Eye Witness, 2020
Kathrin Sonntag, Glass Eye Witness, 2020, Courtesy the artist, © Kathrin Sonntag
Kathrin Sonntag, Fremde Federn, 2020
Kathrin Sonntag, Fremde Federn, 2020, Courtesy the artist, © Kathrin Sonntag

Das ist wohl das Schlimmste. Nicht rechtzeitig da gewesen zu sein. „Man kommt mit der Kamera zu spät, um die Zeit anzuhalten. Sie steht schon still“, schreibt Kathrin Sonntag (*1981) in ihrem Text „Die Wölfe werden bei den Lämmern wohnen“. Und weil dieses Paradox für Fotografen nur schwer auszuhalten zu sein scheint, ist Sonntag auch nicht die erste, die Museumsvitrinen oder Dioramen fotografiert hat. Doch Sonntags traurige Tiere im Kunstmuseum Solothurn – man weiß gar nicht, was einen melancholischer stimmen soll, das räudige Fell und Gefieder der Exponate oder die herrische Geste, mit der diese ausgestopften Tiere ohne jede Systematik nebeneinander in Schaukästen oder noch schlimmer in Boxen stehen – hat etwas mit der Institution selbst zu tun. Erst seit 1980 ist sie ein reines Kunstmuseum, bis dahin präsentierte sie wie eine fürstliche Wunderkammer neben Kunsthandwerk und Ethnologie auch eine naturhistorische Sammlung.

Max Doerfliger hat ihren Auszug dokumentiert, seine Fotos sind wie eine leere Vitrine nun in Kathrin Sonntags Ausstellung „Ichduersieeswirihrsie“ zu sehen. Von ihr selbst sind die Fototapeten, die auf Aufnahmen beruhen, die sie im Depot der Sammlung auf dem Dachboden einer Solothurner Polizeistation gemacht hat. In der Vitrine kann man noch die Fußabdrücke von Arbeitsschuhen erkennen, als schaute man auf eine Belichtung. Einige der Tierpräparate, so erfährt man aus Sonntags Text, sind  giftig wegen ihrer Konservierung mit Arsen – ein makabres, aber stimmiges Symbol für das, was passiert, wenn die Taxonomie herrscht. „Ichduersieeswirihrsie“ widersetzt sich einer solchen Haltung, die Aufzählung der Personalpronomen des Titels macht aus dem strengen Gerüst der Grammatik etwas Spielerisches. Eine gute Einstimmung ist da Sonntags Mehrkanalprojektion „Mühsam ernährt sich das Einhorn“ aus dem Jahr 2011. Armut an Kalauern herrscht hier nicht, da ist im Fenster eines Briefumschlags „schriftlose Kündigung“ zu lesen, ein Nagelstreifenanzug wird von liniertem Papier und einem Nagel begleitet und jemand hat auf Mathias‘ Schulheft einen Zettel mit „kann ich nicht nachverstehen“ geklebt.

Und dieser leichte Zug ins Surreale bestimmt die gesamte Ausstellung. Sie ermöglicht oftmals einen neuen Blick auf das Gesehene. Denn das Fragezeichen, das auf die Wand gemalt ist, hat die Form von Magrittes berühmter Pfeife, die sich wiederum in der Serie „Dinglinge“ unter der ausgeschnittenen Silhouette einer Banane findet. Und die Klammer, die ebenfalls im letzten Saal auf die Wand gemalt ist, stellt tatsächlich eine „Wurstparenthese“ dar. Es geht um die kleinen Verschiebungen des Verstandes, wenn etwa ein „Kreisverkehr mit Ampel“ von einer Pflanzenampel bekrönt ist oder auf einem Foto einer Backsteinmauer ein Türgriff mit rotbrauner Farbe und einer Fuge bemalt ist. Überhaupt scheint eine derartige Camouflage im öffentlichen Raum sehr beliebt. Im Gegenzug finden sich im Museum Griffe an realen Wänden, die unvermittelt in den Raum ragen.

Kathrin Sonntag reizt aus, was möglich ist. Wo sie nicht collagiert überblendet sie oder legt mehrere Schichten übereinander und schafft durch Einschnitte überraschende Sehweisen. Überwacht wird dieses Szenario von zwei Glasaugen mit brauner Iris und einem von roten Äderchen durchzogenen Weiß, die auf einem grauen Sockel liegen als könnten sie alles sehen. Die Augen der Künstlerin sind anwesend. Denn immer wenn einem das nur komisch vorkommen will, stößt man auf etwas Bizarres, wie etwa die Fotografie eines Mannes, der ein bisschen feixend hinter einem abgetrennten Elefantenfuß steht oder die Aufnahme einer jungen Frau, die am Strand liegend in einem Nixenkostüm steckt. Nicht von allen Hybriden geht die Verheißung einer besseren Welt aus.