Gabriela Oberkofler, Api étoilé – ein wachsendes Archiv: „Ich möchte Bäuerin und Künstlerin gleichzeitig sein“

Gabriela Oberkofler, Api étoilé / Ein wachsendes Archiv, 2021, Ausstellungsansichten Villa Merkel, Esslingen, Courtesy the artist
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20. Juli 2021
Text: Jolanda Bozzetti

Gabriela Oberkofler: Api étoilé – ein wachsendes Archiv.
Villa Merkel, Pulverwiesen 25, Esslingen.
Dienstag 11.00 bis 20.00 Uhr, Mittwoch bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 15. August 2021.
www.villa-merkel.de

Gabriela Oberkofler, Api étoilé / Ein wachsendes Archiv, 2021, Ausstellungsansichten Villa Merkel, Esslingen, Courtesy the artist
Gabriela Oberkofler, aus der Serie „Pflanzenpalaver“, 2020/2021, Courtesy the artist

Haben Sie schon einmal Quirlblütigen Salbei, Winterheckenzwiebel oder Rattenschwanz-Rettich gegessen? Oder wissen Sie, wie die Stangenbohne „Schöne von Frau Weitzl“ aussieht? Diese sind nur ein paar wenige Pflanzen, die in Gabriela Oberkoflers Ausstellung „api étoilé – ein wachsendes Archiv“ zu entdecken sind. Auf langen Holztischen liegen in Petrischalen sortiert und mit den wichtigsten Informationen versehen über 400 Samensorten von Nutzpflanzen, die weitgehend in Vergessenheit geraten sind. Sie stammen allesamt von Marlies Ortner, die in der Steiermark einen „Garten der Vielfalt“ angelegt hat und seit 20 Jahren Samen sammelt. Sie ist eine von mehreren ExpertInnen zum Thema Biodiversität und Erhalt der pflanzlichen Sortenvielfalt, die Gabriela Oberkofler (*1975) im Rahmen ihres Projektes besuchte. Ursprünglich waren weltweite Reisen geplant, Corona zwang die Künstlerin, das Projekt zu redimensionieren. Entstanden ist daraus eine Reise von Norddeutschland bis Italien, auf der die Künstlerin mehrere Bäuerinnen auf ihren Höfen und in ihren Gärten besuchte. Neben Marlies Ortner etwa Elisabeth Pircher, die ihren Permakultur-Garten explizit auch für Tiere und Insekten angelegt hat oder Harald Gasser, der auf seinem Hof in Südtirol in einem ausgeklügelten Mit- und Nebeneinander von Pflanzen und Tieren nach dem Prinzip der Mischkultur alte Gemüsesorten von höchster Qualität anbaut. Nicht lediglich Nahrungsmittel, sondern Lebensmittel. Im Videoportrait erklärt er seinen inspirierend radikalen Ansatz für eine Landwirtschaft der Zukunft. 

Seit Langem sind Pflanzen das Thema der ebenfalls aus Südtirol stammenden und in Stuttgart lebenden Gabriela Oberkofler. Während der Sanierung der Stuttgarter Wagenhallen, wo die Künstlerin ihr Atelier hat, richtete sie sich 2017 auf dem Gelände der containercity die rosensteinalm ein, einen kleinen Stadt-Bauernhof, wo Gemüse angebaut, Hühner gehalten und Ausstellungen, Lesungen und gemeinsame Kochabende organisiert wurden. Die Arbeit, die nun in Esslingen zu sehen ist, begann 2020 und ist ein fortwährender Prozess, in dem zahlreiche AkteurInnen, ExpertInnen und Institutionen zusammengebracht werden. Münden soll es schließlich in ein „Institut für alternative Landwirtschaft, zeitgenössische Kunst und Leben in der Peripherie“.

Besonders faszinieren Oberkofler die Kommunikations- und Überlebensstrategien der Pflanzen, die als Modell für das gesellschaftliche Zusammenleben gesehen werden können. In der großformatigen Zeichnung „Ein Stück kritische Zone (ohne Wasser)“ (2021) entwirft sie die Vision eines harmonischen Miteinanders von Pflanze, Tier und Mensch. Ein Querschnitt durch die obers­te Schicht der Erde, in der es vor Leben nur so wimmelt und zwischen Maulwürfen und allerlei Pflanzen und Insekten auch Fragmente menschlicher Körper auftauchen. Verschiedene im Raum verteilte geschnitzte Holzobjekte stehen sinnbildlich für die Brüche, die das fragile Ökosystem durchziehen. Welch faszinierende Mechanismen zahlreiche Pflanzen zu ihrer Selbsterhaltung entwickeln, ist in der Serie „Pflanzenpalaver“ (2020/21) zu entdecken. So gibt es etwa alte Tomatensorten, die Botenstoffe aussenden, um Insekten anzuziehen, die ihren jeweiligen Befall zerstören.

Die Faszination und Bewunderung für diese stillen Lebewesen kommt in allen Zeichnungen Oberkoflers zum Ausdruck. Aus feinsten neben- und übereinander gesetzten Tuschestrichen entwickeln sie eine fragile Kraft, die das Wesen der Pflanzen zum Vorschein bringen. Auf mehreren „Tischgärten“ werden Zeichnungen mit lebenden Pflanzen kombiniert, die die Künstlerin in kleinen Suppenschüsseln angepflanzt hat. Am Ende der Ausstellungszeit wird hoffentlich auch das auf der „Erdenkugel“ wachsende Gemüse erntereif sein.