Kara Walker, A Black Hole is Everything a Star longs to be: Verstörtes Zeichnen

Kara Walker, Barack Obama as Othello The Moor With the Severed Head of Iago in a New and Revised Ending by Kara E. Walker, 2019, Foto: Jason Wyches
Review > Basel > Kunstmuseum Basel
30. Juni 2021
Text: Isabel Zürcher

Kara Walker: A Black Hole is Everything a Star Longs to Be.
Kunstmuseum Basel Neubau, St. Alban-Graben 8, Basel.
Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 26. September 2021.
www.kunstmuseumbasel.ch
Katalog bei JRP Ringier, Zürich 2021, 398 S., 58 Euro | ca. 74.90 Franken.

Kara Walker, Yesterdayness in America Today, 2020, Privatarchiv Kara Walker, © Kara Walker
Kara Walker, A Shocking Declaration of Independence, 2018, Kupferstichkabinett Kunstmuseum Basel
Kara Walker, Untitled, 2011 , Sammlung Randi Charno Levine, New York

Sie setzt sich ungelösten Fragen aus. Ihr Zeichnen ist schonungslos, körperlich, ausufernd manchmal und manchmal voller introvertierter Zärtlichkeit. Die amerikanische Künstlerin Kara Walker (*1969) gewährt im Kunstmuseum Basel einen tiefen Einblick in ihr Schaffen auf Papier. Kohle, Bleistift, Collage, Typoskript oder Gouache dringen ein in die schmerzliche, afroamerikanische Geschichte der USA. Ihr eigenes Archiv, dem sie für die Kooperation mit dem Kupferstichkabinett einen Grossteil der rund 600 Blätter entnahm, schien lange zu privat und zu provokativ für eine Veröffentlichung. Nun ist die Büchse der Pandora aufgesperrt: ein Reservoir der bildnerischen Nachdenklichkeit breitet sich aus in vielteiligen Serien an der Wand und in Vitrinen. Kara Walkers eindringliches Fragen nach dem Puzzle von Identität hat über Jahre viel, unheimlichen, virtuosen, auch poetischen Stoff aufgeworfen.

Als sie, noch im Studium in Atlanta, den Entschluss fasste, ihre künstlerische Autorschaft ganz aus der Perspektive einer Schwarzen und einer Frau zu entwickeln, war klar – ihre Handschrift würde gegen eine vom Patriarchat durchdrungene, westliche Kunstgeschichte antreten. Wie überhaupt sind die Erniedrigungen an der afroamerikanischen Bevölkerung darstellbar, ohne dass die Kunst selbst ein koloniales Gebaren fortschreibt? Lässt sich die Fläche eines Blatts einnehmen, ohne erneut dem Gestus von Beherrschung und Überlegenheit aufzusitzen? Direktheit ist eine von Kara Walkers Antworten, das Zitieren und Verflüssigen von medialen Bildern, ein additives und assoziatives Erzählen über lange Papierbahnen.

Mit ihren oft grossen Silhouetten hat sich die Künstlerin rassistische Stereotype schwarz auf weiss angeeignet und das Drama von Macht und Ohnmacht fast spielerisch als Schattenwurf zur Aufführung gebracht. Nun wird lesbar, dass ihre scharf umrissene Figuration nicht einfach so vom Himmel fiel. Walkers Auftritte auf der internationalen Bühne der Kunst sind einer intensiven Lektüre von Malerei, einer weitläufigen Spurensicherung von rassistischen Ausläufern in Alltag und Populärkultur, einer Selbstbefragung bis in den Traum abgerungen. „TO CUT A BODY OUT OF NOWHERE“, steht auf einem Blatt aus der Serie „Trolls“ (2012). Ein systematisches Verschweigen seiner Geschichte hat den schwarzen Körper verfügbar gemacht – für sexuelle Übergriffe wie für Experimente im Dienst medizinaler Forschung. Die Ausstellung verlangt den nahen Blick, hat Scham und Befremden nicht weggefiltert. Die Auslegeordnung von Kara Walkers Aufzeichnungen macht nachvollziehbar, wie heimlich die Gesetze des Rassismus Epochen durchlaufen, wie sie sich in der Werbung eingenistet haben und ihr Echo finden auch in der Mystifizierung von Barack Obama.

Die Künstlerin weiss genau: Es gibt kein Porträt, kein Kriegsbild, keine Sex- oder Gewalt-Darstellung mehr, die nicht schon so oder anders die Geschichte von Kunst und Medien durchlaufen hätte. Kara Walker hat sich in der Vorbereitung zur Basler Ausstellung in den historischen Beständen des Kupferstichkabinetts umgesehen. Höllenvisionen von Martin Schongauer, bestialische Visionen nach Grünewald oder Goyas kriegsversehrtes Menschenbild gehen jetzt in die explosive Mischung ein, welche gleichzeitig die US-amerikanischen Gründerväter, die Polizeigewalt gegen Schwarze oder „Black Lives Matter“ aufbietet. Im Untergeschoss des Museumsneubaus kollabieren jetzt Jahrhunderte: Wenn die Künstlerin an der nur scheinbaren Normalität der amerikanischen Gegenwart schürft, darf nicht erstaunen, wenn Drohgebärden und Übergriffe die Erinnerung an Alte Meister in sich aufgesogen haben. Unter dem Druck und mit dem Rückhalt der mächtigen Tradition wurzelt Kara Walkers fast halluzinatorische Kraft ganz selbstverständlich auch in Europas humanistischem Erbe.