Olafur Eliasson: In Zeit und Raum fluten

Olafur Eliasson Fondation Beyeler
Olafur Eliasson, LIFE, 2021, Installationsansicht Fondation Beyeler, Riehen/Basel, 2021, Courtesy the artist, neugerriemschneider, Berlin, Tanya Bonakdar Gallery, New York / Los Angeles, © 2021 Olafur Eliasson, Foto: Mark Niedermann
Review > Basel > Fondation Beyeler
27. Mai 2021
Text: Annette Hoffmann

Olafur Eliasson: LIFE.
Fondation Beyeler, Baselstr. 101, Riehen/Basel.
Montag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 20.00 Uhr.
Der Park ist auch außerhalb der Öffnungszeiten zugänglich.
Bis Juli 2021.
www.fondationbeyeler.ch

Olafur Eliasson, LIFE, 2021, Installationsansicht Fondation Beyeler, Riehen/Basel, 2021, Courtesy the artist, neugerriemschneider, Berlin, Tanya Bonakdar Gallery, New York / Los Angeles, © 2021 Olafur Eliasson,, Foto: Pati Grabowicz
Olafur Eliasson Fondation Beyeler
Olafur Eliasson, LIFE, 2021, Installationsansicht Fondation Beyeler, Riehen/Basel, 2021, Courtesy the artist, neugerriemschneider, Berlin, Tanya Bonakdar Gallery, New York / Los Angeles, © 2021 Olafur Eliasson, Foto: Pati Grabowicz

Auf die Wirkung der Bilder kann man sich bei Olafur Eliasson verlassen. Vor Jahren bereits färbte der isländisch-dänische Künstler für die Serie „Green River“ weltweit sechs Flüsse mit Uranin ein. Der Stoff schafft eine Farbe, die das, was wir mit Natur assoziieren ins Toxische steigert, ohne tatsächlich schädlich zu sein. Eliasson war es jedoch nicht, der Uranin für die Kunst entdeckte, dies übernahmen Nicolás García Uriburu und Joseph Beuys. 2001 legte er dann in einem der Stockwerke des Kunsthaus Bregenz zusammen mit dem Zürcher Landschaftsarchitekten Günther Vogt einen Entengrützeteich an. Das sollte man wissen, wenn man jetzt auf einem Steg in das Innere der Fondation Beyeler hinein läuft, über das grüne Wasser und über Wasserpflanzen hinweg. Diesmal hat die Zusammenarbeit mit Günther Vogt eine wahre Wasserflora hervorgebracht, neben den für das Museum geradezu ikonischen Seerosen sind es Froschbiss, Muschelblume, Roter Wurzelschwimmer, Froschkraut. Nachts, so zeigen Fotos, leuchtet das Wasser blau.

Betritt man den Holzsteg, realisiert man, dass die Glasfront von Renzo Pianos Architektur fehlt und dass das nasse Grün weit in das Gebäude eindringt. Olafur Eliassons Installation „Life“ entzieht sich der üblichen Logik eines Ausstellungshauses. Die Installation ist rund um die Uhr und nachts auch frei zugänglich, die Gesetze eines White Cube scheinen außer Kraft gesetzt. Jedes individuell Leben wird durch Geburt und Tod begrenzt, doch „Life“ zielt über diese Zeitspanne hinaus, weil es hier nicht unbedingt einen Betrachter braucht. Die Installation hat zudem weder einen eindeutigen Anfang noch ein solches Ende. Wie das Wasser in das Gebäude, so flutet auch die Intervention in die Zeit. Bis in den Juli hinein hat sie Zeit sich zu verändern, bis dahin werden Seerosen, Froschbiss und Entengrütze blühen. Alles orientiert sich am Wachstum. Mit dem Titel „Life“ zieht Olafur Eliasson aufs große Ganze. Leben ist mehr als die Opposition zwischen Kunst und Natur. „Life“ soll diese überwinden, indem man der Architektur für einige Wochen Flora und Fauna überlässt, dies aber in Grenzen und vor einem künstlich grün gefärbten Habitat.

Doch ökologisch korrekt ist die Kunst Olafur Eliassons, auch wenn sie biologische oder physikalische Phänomene nachahmt, ja gerade nicht. Eliasson gehört zu jenen Kunstschaffenden, die weltweit Großprojekte verwirklichen. In Berlin beschäftigt er ein ganzes Studio von Spezialistinnen und Spezialis­ten, die für seine Installationen recherchieren und sie realisieren. So ganz ohne CO₂-Ausstoß geht das nicht. Überhaupt ist die globalisierte Kunst oft Teil des Problems, das sie thematisiert und nicht die Lösung. Für ihn sei „Life“ ein Modell, erzählt der Künstler in einem der Videos, die die Installation begleiten. Ein anderes Video nimmt vermeintlich eine nicht-menschliche Perspektive ein. Vor einem Jahr simulierte er in seiner Ausstellung im Kunsthaus Zürich „Symbiotic Seeing“ mit einer in die Wand eingelassenen Linse den Querschnitt einer Kugelalge. Wer durch sie auf den Platz schaute, sah Menschen auf dem Kopf stehen. Das wäre ein sprechendes Bild, doch braucht es ein bisschen Glaube dazu.

Wie viele von Eliassons Arbeiten ist „Life“ schön anzuschauen und absolut instagram-tauglich, doch auch ein bisschen wohlfeil. Es ist durchaus kühn, die ikonische Architektur der Fondation Beyeler zu fluten. Doch um Wildnis zu sein oder ein Rückzugsgefecht der Natur, ist es eben doch zu pittoresk. „Life“ ist eine Kunst-Landschaft, so sanft wie der angrenzende Park und die gegenüberliegende Weide. Mehr Trost in einer Zeit, in der die Natur mit der Pandemie ihre zerstörerische Seite zeigt als Exempel des Lebens. Natur, ohne den Menschen zu denken, würde uns einiges mehr abverlangen.