Hans Hipp: Wachs zwischen Himmel und Erde

Votivgaben, gegossen aus den Modeln der Lebzelterei Hipp in Pfaffenhofen, Archiv des Klosters Scheyern, Foto: Hans Hipp, Pfaffenhofen
Bücher
22. März 2021
Text: Annette Hoffmann

Hans Hipp: Wachs zwischen Himmel und Erde.
Hirmer Verlag, München 2020, 284 S., 49,90 Euro / a. 60.90 Franken.

www.hirmerverlag.de

Model mit Votant, ehem. Lebzelterei Gautsch, München, Foto: Hans Hipp, Pfaffenhofen
Hand- und Armvotive, Foto: Hans Hipp, Pfaffenhofen

Es muss im Barock ziemlich gesummt haben. Für eine adelige Festbeleuchtung etwa brauchte es 14.000 Kerzen. Dafür müssten einige Bienenvölker gehalten werden. Hans Hipp kommt aus einer Lebzelterfamilie im oberbayerischen Pfaffenhofen. Dass er sich ausgesprochen gut mit Wachs auskennt, hat mit der mittelalterlichen Zunftordnung zu tun, die bis in die Moderne wirkte. Da über Jahrhunderte Honig der einzige Süßstoff war, hatten die Lebkuchenbäcker auch die Herstellung von Met und eben Kerzen in ihrer Hand. Und neben Kerzen gossen sie Votivgaben aus Wachs, die man heute noch ab und an in Kirchen sehen kann. Wächserne Gebilde zu opfern, um sich Linderung von Krankheiten oder Segen zu erbeten, geht auf die Antike zurück. Im Christentum dürfte es eine
neue Dimension erreicht haben.

Der Band „Wachs zwischen Himmel und Erde“ macht nicht nur eine archaisch wirkende Volkskultur wieder lebendig, Hipp gelingt es auch ein Stück Mikrogeschichte zu rekonstruieren, da die Verbindungen zwischen der Familien-Lebzelterei und der Wallfahrtskirche in Niederscheyern eng waren. Die dortigen Mirakelbücher erzählen von den Gründen, warum die Menschen damals Herzen, Kröten, Arme und Beine oder ganze Votanten aus Wachs gießen ließen und in der Kirche opferten. Es sind Erzählungen von existenziellen Notlagen und Ängsten. Eine gute medizinische Versorgung bekamen nicht einmal die, die sie sich leisten konnten. Hipp, der selbst Konditor und Lebzelter gelernt hat, gelingt hier ein Stück Mentalitätsgeschichte, die stark süddeutsch geprägt, aber nicht lokal begrenzt ist. Die Gegenreformation und die Wittelsbacher förderten diese besondere Form von Frömmigkeit. Das letzte Wort überlässt er seinem Sohn Benedikt Hipp, der in seinen Installationen mitunter Votivgaben als Kleinskulpturen zeigt. Viele Votivgaben waren übrigens rot, weil die Geistlichen die weißen und gelben Votivgaben einschmolzen, um die Kirchen zu beleuchten.