Lynne Kouassi: Die Zürcher Künstlerin erkundet die Wirkungen weißer Dominanz

Lynne Kouassi, Orientierung, 2019, Ausstellungansicht Helmhaus Zürich (mit Arbeiten von Patricia Bucher und George Steven), Courtesy the artist
Porträt
18. März 2021
Text: Dietrich Roeschmann

Dieses Porträt entstand anlässlich der Ausstellung:
Lynne Kouassi: Strangers, foreigners, and colonizers.
o.T. Raum für aktuelle Kunst, Sälistr. 24, Luzern.
18. Juni bis 11. Juli 2020.

Aktuell ist die Arbeit „Habitat“ von Lynne Kouassi und Daniel Dressel in der Ausstellung „Songs From The End Of The World“ in der Galerie für Gegenwartskunst, E-Werk Freiburg, zu sehen.
Bis 23. Mai 2021

www.lynnekouassi.com

Lynne Kouassi, Orientierung, 2019, Ausstellungansicht Helmhaus Zürich (mit Arbeiten von Jeanine Osbourne), Courtesy the artist
Lynne Kouassi & Daniel Dressel, Habitat, 2019, Ausstellungsansicht Galerie für Gegenwartskunst, E-Werk Freiburg, 2021, Foto: Marc Doradzillo
Lynne Kouassi & Daniel Dressel, Habitat, 2019, Courtesy the artists
Lynne Kouassi & Daniel Dressel, Habitat, 2019, Courtesy the artists
Lynne Kouassi, Worship* / Love Piece No5, 2020, Courtesy the artists
Lynne Kouassi, Worship* / Love Piece No5, 2020, Courtesy the artists

Vor eineinhalb Jahren eröffnete im Zürcher Helmhaus die Ausstellung „of Color“, und obwohl an diesem Abend eigentlich alles war wie immer, wenn die Rede vorbei ist und die Leute durch die Räume schlendern und schauen und reden, war doch alles komplett anders. Grund dafür war eine Bodenarbeit von Lynne Kouassi (*1991). Statt des grellen Weiß, das die Säle hier seit Jahren wie in keinem anderen Kunstraum der Stadt geradezu musterschülerhaft als Super-White Cube erstrahlen lässt, wählte Kouassi zum Überstreichen des Bodens ein dezentes Violett. Wie flüssiges Licht breitete sich der Schimmer der Farbe in den Räumen aus, nahm ihnen die Härte und den sterilen, kühlen Charakter des White Cube, der bis heute trotz der einflussreichen Essays von Brian O’Doherty und wichtiger Arbeiten der Institutionskritik als „neutral“ gilt. Nicht zufällig nannte Kouassi ihre Arbeit „Orientierung“ – mit der Materialangabe „Bodenfarbe auf weisser Bodenfarbe“ –, denn Farben legen Fährten durch unseren Alltag und erzählen so immer auch etwas über die Routinen unserer Wahrnehmung, die sich zwar selbstverständlich anfühlen mögen, aber nie voraussetzungslos sind. „Weiß ist so wenig neutral wie es die Bezeichnung Europäer ist oder Männer die Norm der Menschheit darstellen“, sagte Lynne Kouassi in einem Interview anlässlich der Gruppenschau im Helmhaus. Und natürlich ist auch Violett nicht neutral. Im Farbkreis liegt es zwischen rot und blau, gilt als Farbe des Übergangs – zwischen heiß und kalt, weiblich und männlich, engagiert und melancholisch.

Noch während ihres Kunststudiums, das sie 2017 am Londoner Goldsmiths College mit einem Master abschloss, hatte Lynne Kouassi mit subtilen Farbverläufen auf dem Boden experimentiert, um durch atmosphärische Veränderungen im Raum bestimmte Erfahrungen zu triggern. Als gebürtige Schweizerin mit afrikanischem Migrationshintergrund hat sie ein geschärftes Bewusstsein für die zahllosen Aggregatzustände und Maskierungen weißer – und männlicher – Dominanz. Wenn sie im Helmhaus den White Cube und sein Blickregime durch den Einsatz von Farbe außer Kraft setzt, bringt sie zugleich ein Stück gesellschaftliche Wirklichkeit in den Kunstraum zurück und macht deren Widersprüche sichtbar. Es geht um Definitionsmacht, um die Dynamiken der Mehrheitsgesellschaft, Mechanismen des Ein- und Ausschlusses, die emotionale Grundierung von Rassismus. Während einer Residency 2018 im Kloster Dornach notierte Kouassi die alltäglichen Diskrimierungen, die sie in den drei Wochen ihres Aufenthalts in dem Ort bei Basel als „junge, braune, weibliche“ Kunstschaffende erlebte. Manche waren böse oder subtil, andere unbedacht und ahnungslos, aber immer ohne Blick für das Gegenüber. Aus diesen Aufzeichnungen entwickelte Kouassi ein Faltblatt, das sie als „Quick Guide: Wertschätzende Umgangsformen“ in ihrer Ausstellung in der einstigen Klosterkirche auslegte. Drei der zentralen Regeln schrieb sie wie Losungen in goldfarben wirkenden Lettern aus Make-Up in ihrer Hautfarbe auf große, blaue Tücher, mit denen sie die Altäre verhängte: „Andere als Gleiche erkennen.“ „Widrige Zustände nicht normalisieren.“ „Neu Gelerntes liebevoll anwenden.“

Zugleich erkundet Kouassi in ihren Arbeiten immer wieder die historischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen, die das Verhältnis von Körper, Geschlecht, Wissen und Macht prägen, thematisiert Strategien, um der Kontrolle zu entgehen, oder Fragen der Migration und findet dafür zwingende künstlerische Formen. Für die Videodoppelprojektion „Habitat“ etwa, die sie zusammen mit dem Künstler Daniel Dressel realisierte, beobachtete Kouassi eine Rotkehlchen-Familie, die gerade dabei war, im Tropenhaus des Londoner Kew Gardens sesshaft zu werden, während auf dem zweiten Screen exotische Halsbandsittiche, möglicherweise dem Zoo entflohen, ihre Kreise über den Straßen der Großstadt zogen. In ihrer kommenden Ausstellung in Luzern setzt sich Kouassi mit den Fallen des Konzepts Heimat auseinander, das ebenso Sehnsucht produziert wie Gewalt, weil Zugehörigkeit durch Erbe und Eigentum definiert ist und durch die Bereitschaft, das Andere grundsätzlich als Bedrohung zu identifizieren.