Roger Eberhard: Die Flüchtigkeit der Grenze

Roger Eberhard, Song Ben Hai #1, Vietnam, 2017, © Roger Eberhard, Courtesy Robert Morat Galerie
Bücher
17. März 2021
Text: Dietrich Roeschmann

Roger Eberhard: Human Territoriality.
Edition Patrick Frey, Zürich 2020, 116 S., 60 Euro / ca. 60 Franken.

www.editionpatrickfrey.com
www.rogereberhard.com

Roger Eberhard, 24th Parallel South, Chile, 2018, © Roger Eberhard, Courtesy Robert Morat Galerie
Roger Eberhard, 100th Meridian, USA, 2018, © Roger Eberhard, Courtesy Robert Morat Galerie

Im März 2017 posierte der damlige US-Präsident Donald Trump in der texanischen Wüste in Sichtweite Mexikos und präsentierte der Presse unterschiedliche Designs der Mauer, die er versprochen hatte, hier zu bauen – an einer Grenze wohlgemerkt, die mit 350 Millionen Menschen, die sie jährlich ganz legal passieren, die meist frequentierte Staatsgrenze weltweit ist. Für den Zürcher Fotografen Roger Eberhard war dieser Auftritt Trumps Auslöser für eine umfangreiche Recherche, die ihn in dreieinhalb Jahre auf knapp zwei Dutzend Reisen in die entlegensten Winkel der Erde führte, um dort Landschaften zu fotografieren, die einst von Grenzen durchschnitten wurden, deren Überreste heute kaum noch zu erkennen oder vollständig verschwunden sind. „Human Territoriality“ heißt der Bildband in Anlehnung an eine aus der Verhaltensforschung abgeleitete Theorie des menschlichen Revierverhaltens.

Die Orte, die Eberhard mit der Kamera aufsuchte, sind unscheinbar, aber mit Geschichte gesättigt: Das dicht bewachsene Ufer des Ben Hai etwa, der bis zum Ende des Vietnamkriegs die Grenze zwischen dem Norden und Süden des Landes markierte; ein mitten in Hamburg zwischen den Sexshops der Reeperbahn vergessener Grenzpfosten, hinter dem vor 300 Jahren das dänische Königreich begann; eine steinige Steppe entlang des 24. Grades südlicher Breite, die einst zu Bolivien und Peru gehörte und in der Chiles Diktator Augusto Pinochet ab 1975 seine Gebietsansprüche mit Hunderttausenden von Landminen behauptete. Wo immer Eberhards Blick hinfällt – auf die Krim, die ehemalige innerdeutsche Grenze, den Hadrianswall in Nordengland oder eine verlassene Tankstelle am 100. Meridian, der bis 1845 einen Teil der Grenze zwischen Texas und Mexiko definierte: Immer hat sich die Natur zurückgeholt, was Menschen in Kriegen ausfochten oder in Verträgen fixierten. Nichts läge Eberhard ferner als das Leid und die Gewalt zu relativieren, die Grenzen im Namen der Sicherheit und der Macht produzieren. Doch er zeigt auch: Nur wenig ist so flüchtig, wie die von Menschen definierte Linie zur Markierung des Eigenen und des Anderen.