All the time that came before this moment

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4. März 2020
Text: Annette Hoffmann

All the time that came before this moment.
Kunst Raum Riehen, Baselstr. 71, Basel-Riehen.
Mittwoch bis Freitag 13.00 bis 18.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 13. April 2020.

www.kunstraumriehen.ch

Die Vergangenheit kann einen kalt erwischen. Besonders wenn sie ohne Vorwarnung ins Ohr dringt. Im Kunst Raum Riehen unterbricht derzeit Pop das sonore Dröhnen dreier Tiefkühltruhen. The Bangles, Taylor Dayne und die schwedische Metal-Band Meshuggah haben jeweils nur wenige Minuten, doch sie wussten sie zu nutzen. Aufmerksamkeit ist ihnen sicher, und so wird über die alles verändernde Kraft der Liebe, unvergessene Nächte und andere krasse Zustände auf hohem energetischen Level gesungen. Ob einen hier Peinlichkeit oder gar gute Laune überkommt, ist nicht allein eine Frage des guten Geschmacks. Songs triggern Erinnerungen oder lassen zumindest den Zeitgeist wieder auferstehen. Bei Bojan Sarcevic (*1974) sind sie zudem mit einem ausgeklügelten technischen System verbunden, das auf die Feuchtigkeit des Raumes reagiert. Die Musik kommt aus einem kalten Schneewittchensarg, der unsere kollektive Vergangenheit symbolträchtig bewahrt, indem er sie vereist.

Was Jenny Rova (*1972) in den verschiedenen Phasen ihres Lebens an Musik gehört hat, ist nicht überliefert. Ansonsten erfährt man in der Ausstellung „All the time that came before this moment“ viel über die schwedische Künstlerin. Für ihre Arbeit „Älskling“ bat sie Ex-Freunde um Aufnahmen aus der gemeinsamen Zeit. Dieser biografische Strang begleitet die Besucherinnen und Besucher des Kunst Raum Riehen durch die Ausstellung. Man sieht die junge Frau auf Reisen, in der Natur, im Bett, im Blümchenkleid, unbekümmert, erotisch, posierend, herausfordernd. Die Versuchung ist groß zu denken, man schaute hier jemandem beim Erwachsenwerden zu oder sich vorzustellen, ob sie jeweils eine andere Identität hatte. Oder sich zu fragen, was diese ganz unterschiedlichen Fotos über die Männer aussagen. Um Liebe, aber ebenso um die Fiktion des Biografischen geht es auch in ihrer zweiten Arbeit „Letters I didn’t send“, die auf unterschiedliche Weise zerknüllte Briefe zeigt. Wie Landmarken in der eigenen Geschichte liegen sie nun auf neutralem Hintergrund oder sollte es doch ein raffiniertes Spiel sein? Die von Katharina Dunst und Jean-Claude Freymond-Guth kuratierte Schau lässt den Arbeiten Raum, die mal melancholisch, mal humorvoll das Thema Zeit aufgreifen. David Horvitz (*1980) – der Titel wandelt eine Leuchtschriftarbeit von ihm leicht ab – ist einen besonderen Pakt mit der Zeit eingegangen. In „A Walk at Dust (Washington Robusta/Mexican Fan Palm)“ sieht man einen Mann in der Abenddämmerung über einen von Donald Trumps Golfplätzen gehen und Tausende Palmsamen aussäen. Die Fächerpalme stammt ursprünglich aus Mexiko. Mal sehen, was der nächste Frühling so bringt.