Psyche als Schauplatz des Politischen: Das schwer zugängliche Etwas

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9. Mai 2019
Text: Yvonne Ziegler

Psyche als Schauplatz des Politischen.
Staatliche Kunsthalle Baden-Baden, Lichtentaler Allee 8a, Baden-Baden.
Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 16. Juni 2019.
Katalog bei Hatje Cantz, Berlin 2019, 264 S., 40 Euro | ca 52.90 Franken.

www.kunsthalle-baden-baden.de

Seit nunmehr dreißig Jahren hält Jim Shaw (*1952) früh morgens seine Träume fest. Mehrere aus diesem Fundus entwickelte „Dream Objects“ hängen im ersten Saal der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden von der Decke. Sie widerspiegeln im Stil der Pop-Art-Szene der amerikanischen Ostküste gewaltvolle, sexuelle und religiöse Themen. Da lehnen dann etwa drei riesige Fleischstücke mit weißer Fettkrone aus Pappmaché wie Hokusai-Wellen in einer Ecke, während schwebende Hoden die Gäste an der Treppe begrüßen oder ein abgeschnittener Jesuskopf auf einem Sockel darbt. Unter dem Titel „Psyche als Schauplatz des Politischen“ gibt die Kunsthalle der Reflexion und Auseinandersetzung mit dem Innenleben Raum. Die zehn Positionen zeigen teils sehr persönliche, teils überindividuelle Verarbeitungsweisen von Schicksalsschlägen, subkulturellen Schwingungen, gesellschaftlichen Ereignissen und humanitären Katastrophen. In seiner Gesamtheit bietet die Ausstellung fragmentarische Einblicke in verschiedene Befindlichkeiten, kulturelle Prägungen und Kontexte des Psychischen, was dem nicht ganz fassbaren und letztlich schwer zugänglichen Etwas entspricht, unter dem man im westlichen Denken die Psyche versteht.

Im nächsten Raum lädt Liz Magic Laser (*1981) zum Ausagieren von Wut auf politisch Mächtige ein. Er gleicht einer grau gepolsterten Gummizelle, in der man auf Kissen in Form von Rosen, Elefanten oder Pferden einschlagen kann – wie im Video einer vermeintlichen Gruppenschreitherapie zu sehen. Im Gegensatz zu Hermann Nitschs Abreaktionsspielen wirkt das ziemlich blutleer und verkopft. Eher kuschelt man sich an die Kissen oder macht Selfies als dass hier jemand vor dem Kunstpublikum ausrastet. Ans Eingemachte geht es bei Dan Finsel (*1982), der augenscheinlich mit der Macht seines Psychoanalytikers ringt. Er hat dessen Kopf zu einer riesigen, kloß-artigen Plastik mit Stummelhaar und Arschfalte zusammenquetscht. Auch Jorinde Voigt (*1977) geht ins eigene Innere, wenn ihre großen, mit rationalen Gedankendiagrammen zu Erdrotation, Richtung, Geschwindigkeit und Zeit übersäten Blätter zunehmend von schwarzen Federn bedeckt werden. Auf Federschwingen gleitet das unbeherrschbare Dunkel des Irrationalen und der Emotionen ins Reich der Gedanken. An anderer Stelle hat Samara Golden (*1973) einen spiegelnden Abgrund installiert. Durch einen umlaufenden Spalt sieht man in ein Interieur mit Schwimmbecken, wo sich menschliche Attrappen tummeln. Die reglosen Avatare an der Decke, die illusionistisch in die Unendlichkeit des erhellten Spiegels entrückt sind, werden zur Personifikation einer vereinzelten, sinnentleerten Gemeinschaft. Sehnsüchte nach Luxus zerschellen unter dem klinisch-analytischen Blick der Installation.

Drei Arbeiten bringen zum Ausdruck, dass Psychisches kulturell geprägt ist. Etwa wurden Chen Zhes (*1989) Aufnahmen von Selbstverletzungen erst im Kontext ihres Aufenthaltes in den USA kunstwürdig. Das chinesische Tabu, den eigenen Körper zu verletzten, wird zum künstlerischen Ausdruck, den sie in ihre Heimat zurückgekehrt bei anderen wiederzuentdecken sucht und fotografiert. Kader Attia (*1970) hingegen erforscht in Interviews mit Psychiatern, Ethnologen oder Pries­tern, wie unterschiedlich Europäer und Afrikaner mit Lebensereignissen umgehen und welche Vorstellungen von Psyche sie haben. Mit dem afrikanischen Ausdruck Rap könnte vielleicht so etwas wie das Freud’sche Unbewusste gemeint sein. Aber doch nicht ganz. Wang Tuo (*1984) verschränkt westliche und asiatische Blickwinkel, wenn er in einem Gespräch die psychologische Praxis von Verhören und Jobinterviews mit dem Verstummen einer Schauspielerin in Ingmar Bergmans Film „Persona“ verbindet.

Zwei miteinander verknüpfte Filme von Omer Fast (*1972) verstricken schließlich die Gefühle des Betrachters in eine auf verschiedenen Realitätsebenen verlaufende Geschichte eines Schicksalsschlags. Der eigentliche Schauplatz der Ausstellung liegt in der Psyche des Betrachters, das Politische bleibt ein ferner Horizont. Dennoch sehenswert.