Alexandra Navratil

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1. Oktober 2018
Text: Dietrich Roeschmann

Alexandra Navratil: I Am Flowers.
Kunsthale Langenthal, Langenthal.
Bis 11. November 2018.

www.kunsthauslangenthal.ch

Im Archiv des Amsterdamer EYE Film Institute gammeln unter luxuriösen Bedingungen die Kopien Tausender alter Filme vor sich hin. Trotz High-Tech-Klimaanlage und Brandschutzkammer sind die verklebten Zelluloidrollen nicht zu retten. Manche sehen aus wie geschmolzene Süßwaren, andere wie verrostete Metallbänder, rotbraun blühen giftige Kristalle wie Geschwüre auf dem Material, dann wieder bilden zarte Ausflockungen mehltauartige Staubschlieren. Die Bilder, die diese Rollen einst transportierten, dürften längst das Zeitliche gesegnet haben.

Für Alexandra Navratil (*1978) sind Archive wie das des EYE ein wahres Eldorado. Seit langem interessiert sich die in Zürich geborene Künstlerin, die am Londoner Goldsmiths College studierte, für das Verhältnis von Bild und Material. Ihre Arbeiten erzählen eine Mediengeschichte des Films und der Fotografie aus der Perspektive des Zerfalls. Statt um Bilder kreisen sie oft eher um die Spuren, die gesellschaftliche, soziale oder politische Entwicklungen im Material des Bildträgers hinterlassen haben, in Projektionstechnik oder Schnittverfahren. Die Arbeiten, die Navratil derzeit in ihrer Soloschau im Kunsthaus Langenthal zeigt, basieren auf Material, das sie kürzlich während eines einjährigen Aufenthalts als Artist-in-residence im EYE Amsterdam aus den Achiven geborgen hat. In der Doppel-Dia-Projektion „Under Saturn (Act 2)”, die gleich im ersten Raum läuft, bringt sie es auf eine abgründig poetische Weise zum Sprechen. Während im linken Bildfeld an der Wand im Fünf-Sekundentakt nüchterne Einzelansichten von rund 160 Filmrollen aufflackern – oder was von ihnen übrig blieb – fügen sich im rechten Bildfeld knappe Worte zu Sätzen, die um unterschiedlichste Effekte von Gewalt kreisen: „I see / tiny birds / taken out of small cages / one by one / pressed onto a metal table / by two pairs of gloved hands / and injected with malaria / their wings slayed / like delicate fans”. In anderen brechen Felsen in Blöcke, Steine werden Kies, „zu Sand verrieben und als Staub verstreut”, Arbeiterinnen versinken in Bergen von Elektrokabeln, niederländische Ärzte selektieren Arbeitskräfte auf Java, in einem Fass warten frisch abgezogene Schlangenhäute auf Weiterverarbeitung zu Zigarettenetuis. Gepaart mit den Materialansichten des sich auflösenden Zelluloids eröffnen diese Textminiaturen cinematografische Imaginationsräume. Sie könnten Szenen aus den zahllosen wissenschaftlichen Filmen beschreiben, aus Werbestreifen für die chemische Industrie oder Dokumentationen der Kolonialverwaltungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts, die Navratil in Amsterdam sichtete. Ihre Texte stellen auf bedrückende Weise die mitleidlose Nüchternheit eines vermeintlich wissenschaftlichen Kamerablicks aus, der tatsächlich Barbarei legitimiert.

Flankiert wird diese Diashow von zwei Videos, die aus entgegengesetzten Richtungen das Verschwinden des Stofflichen thematisieren und zu hypnotischen Soundtracks der kolumbianischen Komponistin Natalia Dominguez Rangel Bilder der Verflüssigung entwerfen: In „Under Saturn (Act 1)” hat Navratil Found Footage aus historischen Industriedokus zu einem endlosen Bilderstrom von bewegtem Material im Zustand des Schiebens, Fließens, Schmelzens und Verdampfens geschnitten, in „Under Saturn (Act 3)” cleane Computeranimationen von sich auflösenden oder ineinander morphenden Körpern, die sie auf IT-Messen gesammelt hat.