Olga Hohmann & Lukas Kesler: Spaziergang zum Vier Stück. Schreiben und Gehen

Spaziergang zum Vier Stück, Foto: Amelie Amei
Review > Freiburg > Delphi_space
30. Oktober 2026
Text: Dietrich Roeschmann

Olga Hohmann & Lukas Kesler mit Amelie Amei, Cajus Kesler und Accidental Interest Books.
Ich bin doch nur aus Sandstein gemacht / oder: Zu verschenken! / oder Don’t Confuse The Map With The Territoty (Epilog)
Text Auflage 100

Spaziergang zum Vier Stück auf Youtube, D 2026, 54 Min.

DELPHI_space, Brombergstr. 17c, Freiburg.
Freitag 17.00 bis 20.00 Uhr, Samstag und Sonntag 15.00 bis 18.00 Uhr.
Finissage am Sonntag 1. November 2026, 15.00 Uhr.

@olgahohoh
www.delphi-space.com
accidental-interest-books.com

 

Spaziergang zum Vier Stück, Foto: Amelie Amei

Olga Hohmann schreibt. Und Olga Hohmann spaziert durch die Stadt. Als Artist-in-residence im Freiburger DELPHI_space tat sie das im Spätsommer mit viel Ruhe, großer Konzentration und Offenheit für die stillen Sensationen des Alltags, die Einheimische längst nicht mehr wahrnehmen, weil sie einheimisch sind. Getrocknete Teebeutel an der Betondecke der Kronenbrückenunterführung zum Beispiel. Die Hecke, die aussieht wie eine Katze mit geschecktem Fell. Der Aussichtsturm, der von Bäumen umstellt ist und erst ganz oben den Blick in die Landschaft freigibt.

Hohmanns Spaziergänge in Freiburg führten schließlich zu einem Text und einer Videoarbeit, die gemeinsam die Frage aufwerfen, in welchem Verhältnis Spazieren und Schreiben eigentlich stehen (und damit auch das Sehen, Lesen, Vorlesen)? Beide bewegen sich langsam voran, manchmal auch zurück, gehen Abwege, Umwege, sammeln Blicke respektive Ideen oder Gedanken, die am Wegesrand liegen, eigene, angelesene, gehörte, die aus Beziehungen zu anderen Menschen ihren Weg in den Text finden, die ohne Notiz-App manchmal einfach vergessen würden. Olga Hohmann (*1992) nutzt diese Stimmen ausgiebig. „Ich erinnere mich an M. …“, heißt es dann, der etwas sagte, das ihr im Kopf geblieben ist, oder „Ich einnere m ich an J. …“, an L., an S., an ein Gedicht von X oder ein Zitat von Y. Heike Geißler, Wittgenstein, Baudrillard, Adorno. Hohmanns Texte sind voll mit den Resonsanzen der Gedanken anderer in ihrer eigenen Wahrnehmung. In gewisser Weise ist das der Realismus des Denkens. Wir denken immer entlang von bereits Gedachtem, und gleichzeitg ist alles, was wir denken, originär, weil derselbe Text in jeder Person anders resoniert, andere Wege geht, woanders hinführt.

Wenn Olga Hohmann durch die Straßen in Freiburg spaziert, spazieren also viele mit. Dem Mäandern ihres Textes zu folgen, bedeutet zugleich, ihren Fingern beim Spazieren über die Tasten zuzuhören. „Spaziergang zum Vier Stück“ hat sie zusammen mit mit dem Bildhauer Lukas Kesler konzipiert, der der Stadt dafür einen Stein entnahm, ihn bearbeitete und ihn anonym als Skulptur zurückgab, in einem Gewerbebach, abseits der Innenstadt, unter einer vierspurigem Straße. Das Video zum Text begleitet das Dérive von Hohmanns Sätzen, Cajus Kesler filmt Szenen im Augenwinkelder , die seltsam schöne, bizarre Rückseite der schönen Stadt im Fokus. Leere Straßen zwischen Hotelneubauten am Bahnhof, schmiedeeiserne Drachen, die Züge fressen, Sonnenflecken an der Böschung des Autobahnzubringers, Kisten vor den Häusern mit Dingen zum Verschenken. Sandstein, Radwege, Kleingärten, Wasser. Einer der drei Alternativ-Titel, die Hohmann ihrem Text gegeben hat, schlägt vor, den Spaziergang als experimentelle Relektüre des polnisch-amerikanischen Philosophen Alfred Korzybski (1879-1950) zu verstehen, der sich Gedanken über das Verhältnis von Karte und Gebiet machte: „Don’t confuse the map with the territory“. „Spaziergang zum Vier Stück“ lässt fast vergessen, dass es überhaupt so etwas wie Karten gibt.