Backstein Reloaded: Das Potenzial des Materials

Brick Reloaded
Louis I. Kahn, Haus des Nationalparlaments Dhaka, Bangladesh, 1963-1974, Foto: Raymond Meier, 2002
Review > Winterthur > Gewerbemuseum
15. Oktober 2026
Text: Annette Hoffmann

Backstein Reloaded.
Gewerbemuseum Winterthur, Kirchplatz 14, Winterthur.
Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 1. November 2026.
www.gewerbemuseum.ch

Im London des 17. Jahrhunderts waren Ziegeleien so wichtig, dass eine Straße umbenannt wurde. Aus der Whitechapel Lane wurde die Brick Lane. Nach dem Großen Brand, der einen Bauboom auslöste, waren die Ziegelsteine, die hier geformt und gebrannt wurden, noch wichtiger als das Bier, das hier gebraut wurde. Die Gegend bot sich an, da es Tongruben gab. Gebäude aus Backstein gehören zur ältesten Architektur, die wir kennen. Gegen das Image, ein überkommenes, armes Material zu sein, musste selbst Francis Kéré bei seinem ersten Bau in Burkina Faso ankämpfen. Die Gando Primary School ist ein Backsteinbau, die Ziegel wurden vor Ort hergestellt und verbaut. Am Ende machten selbst die Zweifler mit. Die Ausstellung „Backstein Reloaded“ im Gewerbemuseum Winterthur zeigt daher nicht grundlos mit Design­objekten wie den Gefäßen des französischen Ateliers Polyhèdre und den Lampenobjekten des Zürcher Designstudios Kueng Caputo, was man mit dem Material noch so alles machen kann. Im letzten Raum werden weitere Vasen und ein Wandregal-Objekt des belgischen Töpfers Pierre Culot zu sehen sein. Die Winterthurer Schau ist eine Adaption aus dem belgischen Innovations- und Designzentrum CID Grand-Hornu. „Que veux-tu, brique?“ lautete der Original-Titel, der sich auf einen Vortrag von Louis I. Kahn bezog. In Dhaka wollte der Ziegelstein Bogen werden. In Winterthur sind einige Fotos von Kahns Haus des Nationalparlaments von Bangladesch zu sehen. Geometrische Figuren machen die Architektur des Parlaments aus, bei dem Kahn nicht allein Backsteine, sondern auch Zement einsetzte. „Backstein Reloaded“ erweitert das Ausstellungskonzept um Schweizer Beispiele und viel Materialkunde, die durch das eigene Archiv ergänzt wird.

Die Baubranche hat, was den Verbrauch von Ressourcen angeht, einen schlechten Ruf. Anders als Verbundstoffe lassen sich Ziegel jedoch gut recyceln und sorgen für ein angenehmes Raumklima. Die Konstruktion der aktuellen Fassadenbegrünung des Gewerbemuseums besteht aus Ziegeln. Und Salla Vallotton hat als Abschlussarbeit ihres Studiums an der ECAL ein Heizungssystem aus Terrakotta entwickelt, das im Sommer kühlt. Backsteine könnten künftig also durchaus eine noch größere Rolle spielen. Und was sie zudem attraktiv macht: sie können aus unterschiedlichsten Erden hergestellt werden. Selbst Plastikabfälle wie Fischernetze können als Material für Backsteine verwendet werden. Natürlich lassen sich mit ihnen Mauern hochziehen. Im letzten Raum hat der mexikanische Künstler Jorge Méndez Blake mit „Amerika“ eine Barriere gesetzt. Sie ruht auf einer Ausgabe von Kafkas „Amerika“, die sich als Delle in der Mauer auswirkt. Stellvertretend beerdigt sie den amerikanischen Traum.