Celia & Nathalie Sidler

Celia & Nathalie Sidler Bregaglia
Celia & Nathalie Sidler, Rastär, 2026, Installationsansicht in Maloja und auf der Alp Cavloc, Transito – Biennale Bregaglia 2026, Courtesy the artists, © ecomunicare, Simone Ronzio
Porträt
7. Juli 2026
Text: Dietrich Roeschmann

Celia & Nathalie Sidler: Rastär.
Transito – Biennale Bregaglia. In sechs Orten von Maloja bis Castasegna.
Weitere Künstler:innen: Simon Berti, Umberto Cavenago, DEM, Al Fadhil, Haruka Fujita, Pietro PIrelli, Kathrin Siegrist, Helena von Beust und Dominik Zehnder.
Bis 27. September 2026.
biennale-bregaglia.ch
celia-nathalie-sidler.net

Celia & Nathalie Sidler
Celia & Nathalie Sidler, Rastär, 2026, Installationsansicht in Maloja und auf der Alp Cavloc, Transito – Biennale Bregaglia 2026, Courtesy the artists, © ecomunicare, Simone Ronzio
Celia & Nathalie Sidler Bregaglia
Celia & Nathalie Sidler, Rastär, 2026, Installationsansicht in Maloja und auf der Alp Cavloc, Transito – Biennale Bregaglia 2026, Courtesy the artists, © ecomunicare, Simone Ronzio

Im Milchladen von Maloja, kurz bevor die Straße aus St. Moritz und Sils Maria in zahllosen Serpentinen Richtung Italien ins Tal stürzt, gibt es frischen Ziegenkäse zu kaufen, eingewickelt in Zeitungspapier, auf das Zitate von Bäuerinnen aus dem Bergell gedruckt sind. Die Aufkleber, mit dem das Papier zusammengehalten wird, tragen QR-Codes, über die die Gespräche zu hören sind, die die Geschwis­ter Celia & Nathalie Sidler (*1983) anlässlich ihres Projekts „Rastär“ zur diesjährigen Biennale Bregaglia mit sechs Landwirtinnen und Alphirtinnen aus dem Tal geführt haben. Eine erzählt von der schwierigen Suche nach einem geeigneten Stall für ihre Ziegen in einer Region, in der immer mehr landwirtschaftliche Bauten touristisch umgenutzt werden und die Bedürfnisse der traditionell kleinteilig und gemeinschaftlich organisierten Berglandwirtschaft kaum noch Berücksichtigung finden in einer auf Großbetriebe ausgelegten Agrarpolitik. Eine weitere Herausforderung ist für die Bergbäuerinnen die männlich dominierte Landwirtschaft, mit der sie sich im Tal konfrontiert sehen. Dabei arbeiten hier viele Frauen. „Ich finde, wir sollten uns verbinden“, sagt sie, „Dinge zusammen anpacken, Höfe gemeinsam bewirtschaften und kollektiver denken“.

„Rastär“ heißt im Dialekt des Bergell „bleiben“. Das Widerständige, das in diesem Titel anklingt, ist Programm. Denn neben der Dokumentation unterschiedlicher Lebensrealitäten von Landwirtinnen im Bergell geht es Celia & Nathalie Sidler in ihrer Arbeit auch um Sichtbarkeit und Empowerment.  Auf intensive Weise ist das auf der Alp Cavloc zu erleben, wo die Künstlerinnen die Erzählungen der Frauen in unwegsamem Gelände zwischen sprudelnden Bächen, saftigem Gras und schroffen Felsen als multisensorischen Hörparcours inszeniert haben. Gemessen an den Beharrungskräften gesellschaftlicher Konventionen, die ihren Ausdruck in einer männlich geprägten Politik finden, und vor dem Hintergrund der Dynamik, mit der der Tourismus auch die letzten Winkel des dünn besiedelten Tals erobert, erscheinen die Widrigkeiten der Natur hier als die geringste Herausforderung. Davon erzählen auch die Zitate, die Celia & Nathalie Sidler auf die gebrauchte Arbeitskleidung der Hirtinnen gedruckt haben, mit denen sie sprachen. Auf einem der Sweatshirts heißt es: „Auszeit? Lohnarbeit? Sorgearbeit? Lebenswerk?“, auf anderen steht: „Museumsdorf? Kulturerbe? Filmkulisse?“ oder „Siamo qui, anche se piove“ – wir sind hier, auch wenn es regnet.

Die Zwillingsschwestern Celia & Nathalie Sidler wuchsen in den Obwaldner Voralpen auf, studierten Kunst in Basel und Bern und arbeiten seit 2008 zusammen, grundsätzlich ortsspezifisch und immer partizipativ. In ihren Projekten setzen sie sich mit Fragen der Beheimatung, der Tradition und mit Werten und Erfahrungen auseinander, die das individuelle Gefühl von Verwurzelung mit prägen. Landschaft und Nahrung sind dabei für sie zentral, auch Geschmack, auch Geruch und Geräusch sowie Techniken und Organisationsformen, die sich damit verbinden und die Alltagsrealität bestimmen. Am Institut Praktiken und Theorien der Künste der HKB betreuten sie für die Schweizerische Nationalfonds-Stiftung von 2019 bis 2023 das Forschungsprojekt „Lebensmittel als Material in installativen und partizipativ-perfomativ künstlerischen Arbeiten“. In einer Ausstellung im Zimmermannhaus in Brugg widmeten sich Celia & Nathalie Sidler zuletzt dem Thema der Neophytenbekämpfung und ihrem komplexen Bedeutungsfeld zwischen dem notwendigen Schutz heimischer Biodiversität und der Zwiespältigkeit radikaler Reinheitskonzepte.