Haar – Macht – Lust: Prächtige Mähnen, kultige Frisuren

Haar macht Lust
Evan Penny, Torso – Model, Variation 1, 2016, © Evan Penny
Review > München > Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung
30. Juni 2026
Text: Jürgen Moises

Haar – Macht – Lust.
Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, Theatinerstr. 8, München.
Montag bis Sonntag 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 4. Oktober 2026.
kunsthalle-muc.de
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Hirmer Verlag, München 2026, 336 S., 40 Euro | ca. 56.90 Franken.

Haar macht Lust
Nico Koster, Hair Peace. Bed Peace, 1969, © Nico Koster
Haar macht Lust
Sandro Botticelli, Profilbildnis einer jungen Frau, 1475–1480, Foto: Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin / Christoph Schmidt, Public Domain Mark 1.0
Haar macht Lust
Ernst Julius Hähnel, Gottfried Wilhelm Leibniz, Modell für die Statue des Leibnizdenkmals in Leipzig, 1881–1883, Staatliche Kunstsammlungen Dresden / Albertinum, Skulpturensammlung, © Foto: Reinhard Seurig / Hans-Jürgen Genzel
Haar macht Lust
Ilse Haider, La Stilla (2), 2002, © VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Fangen wir mit Wilgefortis an, in Deutschland auch „die heilige Kümmernis“ genannt. Diese war eine zum Christentum bekehrte, heidnische Prinzessin, die einen Ungläubigen heiraten sollte. Sie betete zu Gott. Der ließ ihr einen Vollbart wachsen. Wodurch sie der Heirat entkam, wofür aber wiederum ihr erboster Vater sie kreuzigen ließ. Genauso ist die seit dem 14. Jahrhundert bekannte, vom Vatikan als „fiktive Volksheilige“ eingestufte Wilgefortis in der Ausstellung „Haar – Macht – Lust“ zu sehen. Als Gekreuzigte mit Vollbart. Und mit einem Geiger zu ihren Füßen, dem die Heilige, so ein überlieferter Wunderbericht, als Dank für sein Spiel angeblich ihre kostbaren Schuhe hinabwarf.

Gemacht wurde die Skulptur um 1780, von einem unbekannten deutschen Künstler. Und wenn man als Betrachter auch die Legende um Wilgefortis nicht kennt, dann ist man von der Frau mit Bart am Kreuz doch ziemlich überrascht. Auch sonst gerät man in dieser unterhaltsamen, lehrreichen Schau immer wieder mal ins Staunen. Wenn man, angeleitet vom Kuratoren-Duo Juliane Au und Roger Diederen, auf die vertraute Kunst- und Kulturgeschichte mal etwas anders, das heißt: als eine haarige Angelegenheit blickt. Da zeigt sich, dass eine prächtige Mähne nicht nur ein Sinnbild für Schönheit, sondern auch ein Zeichen der Macht, der Fruchtbarkeit, der Andersartigkeit oder der Wildheit sein kann.

Um sich dem eigenen Stand entsprechend zu frisieren, wurde da gerne auch mal künstlich nachgeholfen. Wie im ersten Kapitel „Stil und Status“ das Beispiel Barock zeigt, wo etwa Ludwig XIV. kunstvoll aufgetürmte Perücken nutzte, um den natürlichen Haarausfall zu kaschieren. Für die Frauen wurde damals der „Pouf“ erfunden. Eine mithilfe von Draht erbaute Turmfrisur, die wegen des hohen Zeitaufwands alsbald als Sinnbild der Verschwendungssucht karikiert wurde. Vom 19. Jahrhundert an wurden auch verstärkt Bärte zum Statussymbol. Das zeigt etwa der 1925 von August Sander fotografierte „Polizeibeamte“, mit einem ziemlichen Prachtexemplar im Gesicht. Getoppt wird das noch von der wohl berühmtesten deutschen Rotzbremse. Die gehörte Friedrich Nietzsche, den Max Klinger 1903 in einer Büste dargestellt hat.

Dass Haare auch die Grenze „zwischen Natur und Kultur“ markieren oder verwischen können, zeigt ein weiteres Kapitel. So galt etwa der mythologische Ziehvater des Dionysos, Silenos, wegen seiner dichten Behaarung als zügellos, barbarisch. Auch Menschen, die genetisch bedingt zu starker Körperbehaarung litten, galten lange Zeit als „Wilde“. Vom 16. Jahrhundert an wurden sie dann teilweise zur Jahrmarktsattraktion, wie das Beispiel der auf einem Ölbild dargestellten Barbara van Beck belegt. Die 1629 in Augsburg geborene Frau hatte einen starken Haarwuchs im Gesicht, verblüffte aber auch durch ihr musikalisches und sprachliches Talent. Die Haar- und Bartpflege ist ebenfalls Thema. Zu sehen sind da etwa eine „Rasierszene“ aus Porzellan und ein Musikvideo zum Song „Back To My Roots“ der Dragqueen RuPaul. Aber Vorsicht: Hier besteht Ohrwurmgefahr!

Bei „Haar und Identität“ geht es unter anderem um Haare als Geschlechtsmerkmale. Als Beispiel für den kritischen Umgang damit ist etwa ein Foto von der Performance „Aktionshose: Genitalpanik“ der kürzlich verstorbenen VALIE EXPORT zu sehen. Es geht um „Haare im Glauben“ und natürlich um Haare und Schönheit, gespiegelt etwa in Sandro Botticellis „Profilbildnis einer jungen Frau“ mit goldenen Haaren. Um den Zusammenhang zwischen Frisur und politischer Überzeugung geht es auch. Ins Auge fallen hier die skulpturalen Haarinstallationen von Laetitia Ky, die die Kraft der Frauen feiert, während im Musical „Hair“ die Hippiemähne zum Protestsymbol wird. Das letzte Kapitel dreht sich um Haar und Wirtschaft, die ihr Geld etwa mit Schönheits- und Pflegeprodukten verdient. Hier wird das schöne Haar zum schönen Versprechen, vom dem auch diese eindrückliche Ausstellung zu einem große Maße zehrt.